Pankow 95

Die DDR über ihr Ende hinaus fortgeschrieben

Weitsichtig, hellsichtig, frechsichtig, schwarzsichtig hat Gábor Altorjay 1983 die Geschichte der DDR über ihr damals noch nicht zu erwartendes Ende hinaus in einer schrillen Farce mit gezielten Stilisierungen und Verfremdungen fortgeschrieben: der Staat mit Limousinen aus dem kapitalistischen Westen ist eine einzige Irrenanstalt, hat Probleme nicht nur mit seinen Patienten, sondern auch mit Geiselnahmen und den unberechenbaren Entwicklungen von Retortenbabies.

Weitsichtiger noch, was die heutige Pandemie betrifft: vor der Metzgerei müssen die Menschen dicht an dicht Schlange stehen, es darf nur je ein Kunde eintreten; das wird so geregelt, dass es nur einen Einkaufskorb gibt und den drückt der Kunde, der den Laden verlässt, demjenigen in die Hand, der in der Schlange zuvorderst steht.

Die Metzgersgattin Frau Zart wird von Christine Kaufmann mit einer Turmfrisur und sowieso hollyoodstarlike gespielt. Ihr Mann war wohl ein ambitionierter Musiker. Deshalb wurde der gemeinsame Sohn Johann Wolfgang Amadeus getauft; leider unbegabt. Er ist in der Psychiatrischen einer der Patienten. Er hat aber ein zweites Leben in den Tropen auf Santa Lucia. Er wird mit stierem Blick und monotoner Ausdrucksweise gespielt von Udo Kier.

Der Irrenarzt Dr. Werner Frisch wird gespielt von Dieter Thomas Heck, damals der wohl populärste Fernsehmoderator in Sachen Schlager; soviel zum Seitenhieb auf die Hitparade. In die Zelle von Amadeus wird Armin (Tom Dokupil) eingeliefert. Er ist grün geschminkt, eine erbarmungswürdige Kreatur und das Retortenbaby, was zwanghaft schwangere Frauen angreift.

Es gibt weitere schräge Vögel in der Klinik, Angelo (Angelo Galizia), dem eine Herkunft von einem argentinischen Diktator nachgesagt wird und der Ungar Lajos (Karel Dudesek). Zwischendrin gibt es Gesangseinlagen.

Die Figuren sind generell nicht realistisch weder gekleidet, noch frisiert, noch geschminkt, es ist absurdes Theater in abstrakten Räumen. Man kann nur schauen und staunen, was die sich 1983 getraut haben, welch höheren Blödsinn bis zur abgrundtiefen Diktaturlächerlichmachung. Sowas traut sich heute keiner mehr.

Für das Museum reif ist das frühe Videospiel „Cupids Arrow“. Und über die Datenschutzdebatte in der BRD wird hier nur der Kopf geschüttelt. Auch mit der Bildbearbeitung wird experimentell vorgegangen, speziell in eingespielten Super-8-Filmen mit Kolorierung oder gar Farbumkehr.

Feinstes Filmhäppchen aus grauer Fernsehvorzeit.

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