Mein Sohn

Krasse Diskrepanz

zwischen Drehbuch und den übrigen Gewerken in diesem Film von Lena Stahl.

Alle verdienen sie gute Bewertungen, allen voran die Schauspieler, Anke Engelke, Jonas Dassler, Hannah Herzsprung genau so wie Kamera, Schnitt, Ausstattung, Locationscout, Casting, Regie.

Aber keiner von all denen und den übrigen Beteiligten bis hin zu den Geldgebern und Filmförderern scheint das Drehbuch auf seine Kinotauglichkeit hin gelesen zu haben. Jeder hat nur für sich seinen Happen Brauchbares gesehen und wohl begierig zugesagt. Vielleicht mal wieder ein typischer Fall eines überzeugenden Treatments, dem ein mangelhaftes Drehbuch folgt.

An sich ist der Plot simpel. Iason (Jonas Dassler) hat einen Unfall, so dass er nicht mehr Skateboarden kann. Eine Fahrt mit seiner Mutter (Anke Engelke) von Berlin über Tschechien in die Schweiz soll Mutter und Sohn zusammenbringen, die irgend ein Nichtverhältnis zueinander haben.

In der Schweiz lockt eine Klinik mit Heilung. Das wäre eine plausible Story und böte Platz für aufregende Einblicke. Nur, so wie Lena Stahl das erzählt, haut es hinten und vorne nicht hin.

So wird Jason als einer in einer Gruppe Jugendlicher vorgestellt, die kiffen, koksen, Alkohol trinken, Party machen und skateboarden. Kein Grund für den Zuschauer, für ihn sich sonderlich zu interessieren. Zu erfahren ist gar nichts Spezifisches über ihn, Ziele, Konflikte, Probleme mit der Mutter, nichts über seine Geschichte.

Unversehens aber findet er sich nach einem Unfall in der Klinik. Aus dem Nichts tauchen seine Mutter – und auch sein Vater – hier auf. Es gibt ausführliche Diagnosen, was mit seinem Bein passiert ist – aha, geht es hier um das Thema Beinfrakturen nach Unfall? Nach umständlichen Erklärungen ergibt sich, dass es diese Klinik in der Schweiz gibt, es braucht eine Szene, um zu erklären, dass die Krankenkasse das nicht bezahlt und dass Mutter den Sohn mit ihrem lottrigen alten Volvo persönlich hinfahren wird.

Breiter Anlauf für ein folgendes Roadmovie, das sich offenbar daran orientiert, in Tschechien drehen zu wollen, dort etwas Lifestyle-Kunde einer Landkommune in den Film hineinzutragen, mögliches Reizthema: Verzehr von Plazenta. Ok, hat im weitesten Sinne mit dem Mutterthema zu tun.

Von der bayerischen Filmförderung soll auch etwas in die Produktion fließen, also muss der Weg über München führen. Da war die Aufgabe für den Location-Scout, ein klischeehaft schickes Münchner Wohnhaus zu finden, um wenig plausible menschliche Begegnungen vorzuführen;

Mutter löst nebenbei Probleme, von denen wir gar nicht wussten, dass sie sie hat, mit einem fremden Mann intim zu werden.

Dann muss die Schweiz rein. Und erst da wird die Tragweite des Unfalles deutlich, wie hart Iason die Mitteilung trifft, dass er sein Bein nie wieder werde so bewegen können, um zu skateboarden. Gut, er hat so immerhin gegen Ende des Filmes ein konflikthaftes Problem gefunden.

Hier hört es sich so an, als ob er sich davon eine Karriere versprochen habe. Eingeführt worden ist er allerdings als ein Spaß- und Genussmittelvogel; ein Widerspruch zum Karrieredenken.

Um das Beinproblem zu verarbeiten steigt er auf einen Berg und versucht, einen Urschrei auszustoßen.

Anspruch mimend wird eingangs Rilke zitiert, was noch mehr verwirrt, als diese Ambition offenbar vom Drehbuch auch gleich wieder kassiert wird.

Ein Satz: „Ich hatte viel zu tun mit der Bewerbung für die Ausstellung“ oder die besorgte Frage „Hast Du die Übung schon gemacht heute?“. Einer der Filme, bei denen man den Schauspielern bei der Arbeit zusehen kann (die im übrigen vorzüglich ist).

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