Schocken – Ein deutsches Leben

„Wenn sie nicht über Goethe sprachen, sprachen sie nicht“

erinnert sich eine Schwiegertochter an das mehr als großbürgerliche Anwesen, Luxusanwesen mit Pool und Gärten in Jerusalem, und dessen Hausherren Salman Schocken und Familie. Da hatten die Nazis gerade Millionen Juden ermordert und versucht, die jüdische Kultur in Deutschland und der Welt auszurotten.

Salman Schocken war weitsichtig, er hatte seine einmalige Bibliothek sowohl deutscher als auch jüdischer Literatur längst nach Jerusalem verschifft, hatte sich extra von Mendelsohn einen eigenen Bau im Bauhausstil errichten lassen. Über Geld sprach man in dem Haus nicht, sondern über Literatur, über Kunst, über die innere Renaissance der jüdischen Kultur, über den Aufbau eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Palästinensern und Juden in Palästina.

Filmstoff.

Das lässt diese höchst sorgfältig erstellte Doku von Noemi Schory erahnen, dass das Leben dieses weitblickenden Mannes ein Filmstoff erster Güte wäre, der sich wohl fast so abheben würde von der üblichen Holocaust-Filmindustrie wie sich Schockens Kaufhäuser in den gewordenen deutschen Innenstädten verhielten. Sie waren Fremdkörper, sie haben sich wuchtig in die gewachsenen Strukturen hineingehockt, verblüfften mit einfachen Linien.

1904 hat Schocken zusammen mit seinem Bruder das erste Kaufhaus in Zwickau eröffnet. Er sei ein penibler Manager gewesen, habe alles immer im Blick gehabt, die Kunden, die Angestellten, die Qualität der Ware, die niedrige Eintrittsschwelle für die Häuser. Auch der Arbeiter sollte sich anständig kleiden können. Für die Mitarbeiter baute er Mietshäuser. Diese stehen heute unter Denkmalschutz. Eine bittere Pointe mit einem Verzug von um die 100 Jahren: in einem von ihnen versteckten sich die Terroristen vom NSU, Beate Zschäppe zündete das Haus an.

Schockens Leben ist ein Stoff wie eine amerikanische Erolgsstory, Stoff für einen Hollywoodfilm, der Aufbau dieser Kaufhauskette mit schneller Expansion. Faszinierend an der Schocken-Figur ist auch, dass sein primäres Interesse der Kultur, der Literatur galt und er eher unwillig in das Kaufhausgeschäft eingestiegen ist.

Ein weiteres kulturhistorisch aufregendes Kapitel ist die Herausgabe der kleinen Bücherei, Judaika wie die Inselbücher. Sie sollten den geistigen Boden für die von Schocken geförderte, innere Renaissance des Judentums bilden.

Noch spannender ist, dass mit dieser Reihe in den Jahren 1933 bis 1938 Dutzende von Büchern in feinstem bibliophilen Verfahren mitten in Nazideutschland gedruckt werden konnte.

In Palästina setzte sich Schocken für die Gründung der hebräischen Universität ein (und nicht nur davon gibt es im Film rares Archiv-Filmmaterial!) und gründete die Zeitung Ha’aretz, ein Blatt, was heute noch für ein friedliches Miteinander von Palästinensern und Juden, für eine Zweistaatenlösung plädiert und das sich gegen die völkerrechtlichen Besatzungen durch den israelischen Staat wendet und nichts von der praktizierten Apartheid hält.

Diese Dokumentation ist auch deshalb so wichtig, als das, was Schocken vor hundert Jahren wollte, bis heute nicht realisiert ist; es wird zwar versucht, in Deutschland jüdisches Leben wieder zu gestalten und möglich zu machen; aber so richtig erreicht scheint Schockens Ziel der jüdischen Renaissance noch lange nicht; im Gegenteil, ein wachsender Antisemitismus wendet sich dagegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.