Lieber Thomas

Spröd-nüchterner Osten – Exzessiver Westen

Dies ist ein fiktionales Biopic von Andreas Kleinert nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich über den Schriftsteller Thomas Brasch, der in der DDR aufgewachsen ist und noch vor der Wende in den Westen wechseln konnte. Es weicht in manchen Punkten deutlich ab vom Beitrag in Wikipedia.

Was der Film in schönster Kinomanier zeigt, ist zum einen die Stimmung in der DDR. Der Teil des Filmes wirkt wie dem DDR-Kino nachempfunden in seiner schlicht-spröd-nüchternen Klarheit und arbeitet vor allem den Kampf des Schrifstellers, des Möchtegernschriftstellers gegen die Autorität heraus.

Brasch scheint frech gewesen zu sein. Er wurde beim Verteilen von Flugblättern anlässlich des Prager Aufstandes erwischt und verhaftet. Obwohl sein Vater ein hoher Kulturfuntkionär war.

Andreas Kleinert, der endlich mal wieder Kino macht und wie es scheint, nicht bloß, um an Gelder zu kommen, sondern weil ihn die Biographie fasziniert und sie für die Geschichte des Landes von Bedeutung ist. Kleinert gibt dem Dichterwort reichlich Platz, so dass es nachvollziehbar wird. Er übertitel die einzelnen Kapitel des Filmes mit je einem dieser Brasch-Sätze, die mit einem Komma und einem ‚Aber‘ aufhören. Sätze, die großartig einen existentiellen Zwiespalt ausdrücken „Wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber“ oder „Da, wo ich lebe, will ich nicht sterben, aber“.

Zusätzliches Gewicht erhält das Dichterwort durch die Besetzung der Rolle mit Albrecht Schuch, wohl einem der besten deutschen Schauspieler seiner Generation und dem man einfach zuhört. Das hebt diesen Film über die beiden letzten Filme, die sich mit deutscher Literatur oder mit deutschen Literaten beschäftigten weit heraus (Fabian oder der Gang vor die Hunde und Felix Krull).

Der Film besticht außerdem mit einer hervorragenden Besetzung und Kleinert arbeitet exzellent mit den Darstellern. So dass man Julia Haase mühelos die Katarina Thalbach abnimmt, obwohl sie – oder vielleicht gerade deswegen – gar nicht erst den Versuch der Imitation unternimmt.

Hat der Zwiespalt Braschs im Osten zu oppositionellem Verhalten geführt, so verändert sich dies im Westen, im Überfluss zu Drogenkonsum, Exzess, Rausch und wilden Schießerei-Fantasien.

Auch im Westen scheint Brasch Anpassungsschwierigkeiten zu haben. Denn der Kapitalismus wiederum will seine schriftstellerischen Kühe melken. Das zeigt die New York Phase – im Vergleich zu Wikipedia müsste sie fiktional sein – mit dem großzügigen Verleger, der von Brasch unbedingt einen Roman haben will – mit dem Erfolg, dass im Abspann der Satz stehen kann, dass Brasch tausende Seiten eines nicht vollendeten Romanmanuskriptes hinterlassen habe. Der Film sieht sich also nicht primär als genauer Chronist des Lebens des mit gerade mal etwas über 50 verstorbenen Autors, er begibt sich auf den schwankenden Weg seiner schriftstellerischen Entwicklung, seiner ständigen Weltverarbeitung in Texten, seinen Problemem mit jedwedem System.

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