Kinder der Hoffnung

Klassentreffen,

sind Veranstaltungen, bei welchen sich Menschen, die gemeinsam die Schulbank gedrückt haben, nach Jahren wieder treffen. Es ist die Neugier zu sehen, was aus den anderen geworden ist; auch ein Ansatz, Bilanz zu ziehen, was waren die Erwartungen damals ans Leben und was ist daraus geworden. Es gab auch eine recht erfolgreiche Fernsehsehrie dieses Titels. Da hat sich einer, der berühmt geworden ist, mit den Menschen getroffen, mit denen er einst gemeinsam die Schulbank gedrückt hat.

Ein Klassentreffen der filmischen Art hat sich Yael Reuveny vorgenommen. Sie ist in Israel in einem Dorf aufgewachsen, das übersetzt „Tor der Hoffnung“ heißt. Es war eine Aufbausiedlung für Einwanderer aus aller Welt, darunter viele Shoa-Überlebende.

Für die Schule war auch 1988 das Aufbau- und das Zukunftsmotto wichtig und wurde pointiert artikuliert, in der Schule war patriotischer Unterricht unabdingbar. Dort war die Filmemacherin damals Schülerin. Die Schüler waren 8 Jahre alt, heute sind sie alle um die 40.

Yael Reuveny ist eine der wenigen, die Israel verlassen hat und seit 15 Jahren in Berlin lebt; sie ist auch eine der wenigen, die keine eigenen Kinder hat, sondern in einer Patchwork-Familie lebt. Sie fragt heute sich selber und ihre ehemaligen Schulkameradinnen und – kameraden, was denn aus den Hoffnungen der Aufbauarbeit von damals geworden ist.

Das Fazit ist erwartbar ernüchternd: mit 40 steht die Mehrzahl der Menschen voll im Berufs- und Familienleben und auch die überwiegende Zahl ist in der Gegend geblieben, ist im Lande geblieben, hat sich eingerichtet; da bleibt wenig Platz für Utopie.

Dabei dürfte es sich um ein allgemeines Phänomen handeln. Die Frau, die mit ihrer Familie demnächst nach Amerika auswandern wird, ist die Ausnahme. Sie tut es dezidiert, weil ihr das Leben in Israel nicht sicher genug ist. Eine andere Frau bringt zur Sprache, dass es eben nicht so einfach sei, sich hier von allem zu lösen, ja sie bewundert die Filmemacherin wiederum dafür, dass sie es geschafft habe; wobei die Filmemacherin selbst auch nicht ganz los kommt von ihrer Heimat; die wiederum insofern eine ganz spezielle Heimat ist, als es sich um das noch relativ junge Israel handelt, das 1988 voller Hoffnungen und Friedensperspektiven war, was sich jedoch längst verflüchtigt hat; ein Mitschüler von ihr ist im Militärdienst getötet worden; eine Architektin, die Immobilien ausstattet für Mieter und Käufer aus Übersee, erklärt bei einer Besichtigung, den selbstverständlich eingebauten, bombensicheren Schutzraum, den Mamad.

Reuveny verzichtet auf das bei Dokumentaristen so beliebte, modische Verzopfprinzip von Handlungssträgen, sie porträtiert ihre ehemaligen Mitschüler und Mitschülerinnen nacheinander, bringt Informationen über deren Berufe, Lebenssituation, zeigt Wohnungen, Kinder, Ehepartner. Von besonderen Reiz sind die privaten Super-8-Aufnahmen aus Familienarchiven; weil die ja gerade das Private festhalten.

Es zeigt sich auch, dass der problematische Gesamtkontext aus Nahost nicht allzu dramatisch in die Privatleben einwirkt, bis auf eben Schutzräume, die Auffoderung über einen Newsstreifen im Fernsehen, diese Räume aufzusuchen oder der selbstverständliche Dienst in der Armee, von der sich manche angeekelt abwenden, wenn sie in den besetzten Gebieten gewisse Dinge zu sehen bekommen haben.

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