Paris: Kein Tag ohne Dich

Flashback staatlicher Antiterrorismushysterie der 70er

Ulrike Schaz macht Inventur. Den Begriff kennt sie aus dem Textilgeschäft ihrer Eltern im Schwäbischen. Sie ist eine Alt-68erin. Paris war ein Traum, dort zu leben, Film zu lernen.

Diesen Traum hat schon eine andere Schwäbin namens Ulrike beschrieben in Paris Calligrammes, Ulrike Ottinger. Die beiden Ulriken verbindet der schwäbische Ausgangspunkt und das Ziel Paris.

Aber Ulrike Ottinger, die bürgerlich-kulturell Selbstreflektierte, ist im Feuilleton gelandet, während es die Ulrike aus dem Texilbetrieb schier in den bösartigen Rädern der staatlichen Antiterrorismushysterie der 70er zermalmt hätte.

Schaz macht Inventur in der Art einer Ausstellung in einer Galerie, Inventur-Performance. Es gibt einen Präsentationstisch für Bilder, Zeitungsausschnitte, Bücher, Liebesbriefe, Behördenschreiben, Fotos und eine Wand für Projektionen. Manche Szenen werden als Schattentheater nachgestellt und auf die Spitze getrieben.

Immer wieder tauchen illustrativ textile Motive aus, die an das Penible, sei es des Nähens oder der Inventur, erinnern.

Als menschlichen Hauptguide hat Ulrike Schaz nach Jahrzehnten ihre Flamme von damals, Jean-Marie, ausfindig gemacht, damals ein attraktiver, dunkelhaariger Lockenkopf, typisch späte 60er, frühe 70er. Hinzu gesellen sich weibliche Begleiterinnen aus ihrem Lebensweg.

Verhängnisvoll wurde die Begegnung mit Jean-Marie, weil dieser den Terroristen Carlos kannte und mit ihm eine Geliebte teilte.

Jean-Marie wollte eines Abends Ulrike mitnehmen zu einer Party im Appartement des Venezolaners. Was sie nicht wissen konnten, dass dieser zwei Stunden vorher zwei verdeckte Ermittler erschossen hatte. Die beiden liefen der Polizei direkt und ahnungslos in die Hände. Und wurden abgeführt ohne das Recht, einen Anwalt anzurufen, ohne Anklage. Sie wurden in Einzelhaft in einem Gefängnis gehalten, das noch aus der Pariser Gestapo-Zeit unverändert war, wie sie von den Verhörern erfuhren.

Faszinierend an dieser Inventur von Ulrike Schaz ist, wie sie den Begriff ernst nimmt und ohne Ressentiment oder Rachegelüste die Fakten zusammenträgt und all die Folgen, die diese Verhaftung und die anschließende Abschiebung nach Deutschland nach sich zog, wie immer wieder demütigende Ganzkörperkontrollen.

Schaz behandelt ein Kapitel jüngerer Geschichte aus einem vernachlässigten Aspekt; wie hysterisch der Staat wegen des Terrorismus schnell seine eigenen Rechtsgrundsätze für obsolet hielt, wie hysterisch er mit Leuten umging, die er, wenn auch aus wenig zwingendem Grund, verdächtigte. Meist geht es in Bezug auf Deutschland um die RAF, um Baader-Meinhof oder international gesehen um Carlos als dem prominentesten Terroristen, über den Olivier Assayas einen packenden Film gemacht hat.

Schaz dagegen erinnert in nicht minder spannender Art daran, welche hysterische Stimmung in den 70ern in Deutschland geherrscht hat, die die Rasterfahndung, den Radikalenerlass zur Folge hatte, die Behörden panikartig hat reagieren lassen, wenn nur der leiseste Verdacht eines Kontaktes zum Terorrismus vermutet wurde. Und wie so ein Verdacht nicht so schnell wieder aus der Welt zu schaffen ist.

Der Film erinnert einen an die jüngsten Hysterien im Zusammenhang mit der Pandemiebekämpfung. Allzu viel scheint das Land nicht gelernt zu haben, obwohl es sich doch um gänzlich verschiedene Phänomene handelt; heute die Hysterie, die zum Teil Coronagegner, also Gegner der teils absurden Maßnahmen, entgegenschlug und wie sie alle gleich in die Ecke von Coronaleugnern und Verschwörungstheoretikern geschoben wurden. Rationale Auseinandersetzung nicht mehr möglich. Das gab es alles schon in den 70ern, gibt diese exzellente Inventur von Ulrike Schaz zu bedenken.

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