Wagner Bayreuth und der Rest der Welt

Auf High Heels

an einer der Pforten zum Wagner-Kult.

Dokumentarist Alex Brüggeman sieht die High-Heels, blendet sie als Bei- und Augenfang ein in seine Dokumentation über das weltweite Wagner-Universum und gibt damit zu verstehen, dass er sich als unvoreingenommener Betrachter sieht, der nicht in die Falle der Wagner-Verehrungs-Fastreligion tappen will.

In einem Mekka der Wagnerianer, im Wagner-Haus in Venedig, fängt Brüggemann seine pfiffig-unterhaltsame Dokumentation an. Hier treffen sich einmal im Jahr die Wagner-Gesellschaften in den heiligen Hallen, die altehrwürdigen, venezianischen Ausstattungsprunk vorweisen; es ist eine elitäre Gesellschaft, die sich selbst zwischen Religion und Selbsthilfegruppe verordnet.

Die feinen Talking Heads setzt Brüggemann vor die teuren Wände und Gemälde untersichtig, wodurch er eine öde Dokumanier unterläuft, ihr eine ganz spezielle Perspektive verschafft.

Hier wird auf höchstem Niveau gefachsimpelt unter seinesgleichen. Den Randaspekt des Kultes verköpert ein Metzgersehepaar aus Bayreuth, die sich ständig ins Wort fallen und die einen fantastischen Seitenlinienblick auf die Wagnerfestspiele urig präsentieren. Was aber auch zeigt, dass zumindest in Bayreuth, Wagner weit über das Zielpublikum hinaus eine Bedeutung hat.

Vieles geht in dieser Dokumentation über den fachidiotischen, den Fanfokus hinaus. Es gibt, fast wie bei Frederik Wiseman in seinem Film L’Opera de Paris Einblicke in die verschiedensten Abteilungen des Wagner-Theaters in Bayreuth, in die Kulissenwerkstatt oder man sieht den Security-Mann, der seine Runden dreht zwischen den Spielzeiten, Beherbungsbetriebe in der Stadt, Probenausschnitte, nicht ganz so systematisch wie bei Wiseman, das Finanzielle wird nicht angerührt, aber dafür ist auch mal ein Privatjet auf dem Bayreuther Flughafen zu sehen oder die Wagenkolonnen der Politpromis.

Am eindrücklichsten ist der Blick in den Orchestergraben; wie Christian Thielman unter extrem schwierigen Bedingungen dem Orchester seinen Klang entlockt, den er in seiner Wirkung gar nicht hören kann; dafür sitzen Assistenten im Saal und informieren ihn über eine anachronistische Telefonapparatur; da muss er sich drauf verlassen können.

Zu den köstlichen Seitenblicken gehört ein Besuch in Japan. Hier probt ein Studentenorchester Wagner auf einer grünen Wiese umrundet von einem Meer von Mandelblüten; den Zeitpunkt hat der Dokumentarist schlau gewählt.

In Tel Aviv probt ein Fagottist aus dem Bayreuther Ad-Hoc-Orchester auf dem Dach seines Hauses; Brüggemann zeigt sich zur Musik fasziniert von der Architektur rundum, wie eine Vedute als Bühnenbild wirkt sie.

In Newark in New Jersey wurde der Dokumentarist bei einer Baptisten-Church wagnerfündig. Die organisierten in der Pandemie-Zeit vor der Kirche eine konzertante Opernaufführung mit einem All-Black-Ensemble. In Bayreuth erinnern sich die Leute an die erste schwarze Sängerin in einer Festspielhaus-Aufführung. Vom Rassismus ist nur ein kleiner Schritt zum Nazitum, das auch versucht hat, den Wagner für sich zu reklamieren.

Der Film stellt aber klar, dass Wagnerbegeisterung nicht identisch sei mit Nazibegeisterung. Es scheint wohl eher so, dass möglicherweise das Mächtige an der Musik Machtmenschen jeglicher Couleur zu begeistern vermag. Und so wartet man nicht vergebens auf den Auftritt einer berühmten Politikerin und Wagner-Bewunderin.

Schade, dass Brüggemann der Mut zum Kürzen fehlt; zehn Minuten weniger und der Film würde zehn Prozent mehr Drive bekommen. Gerade der Musikkritiker wird zu oft reingeschnitten und auch das Metzgerehepaar aus Bayreuth wäre etwas gekürzt wirkungsvoller. Aber das sind Mäkeleien nicht eines eingeschworenen Wagner- sondern eines Kinofans.

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