Online für Anfänger – Effacer l’Historique

Kleine beschauliche Welt.

Irgendwo in Frankreich in einer lieblich gewellten Landschaft in einer schützeden Mulde eine neue Reihenhaussiedlung, davor ein Kreisel, der Traum jeden Kleinbürgers mit modernem Lebenskomfort vom Kühlschrank übers Autos bis zum Internet.

Zum Establishing Shot wird Feelgoodmusik gespielt. Ok, ist nicht diese Idylle mit den gepflegten Vorgärtchen, solchene gibt es nicht, das Grün ist karg, die Häuser etwas sehr vorgefertigt, immerhin nette Nachbarn, die auch schauen, ob die Leute den Müll richtig trennen.

An sich könnten die Menschen es schön haben hier, nur wäre es dann wohl reizlos einen Film über sie zu machen. So sehen es auf jeden Fall Benoît Delépine und Gustave Kerven, die sich ein paar Bewohner, die in Beziehung stehen zueinander, und ihre Versuche der Lebensbewältigung genauer anschauen.

Da ist Marie Dehoux (Blanche Gardin), die von Mann und Sohn getrennt in einem der Reihenhäuschen lebt und sich die intakte Familie mit gedecktem Tisch und den Stühlen vormacht und die auch andere Menschen nicht wissen lassen will, dass ihre Familie gescheitert ist. Blanche wirkt ständig so, als sei das Leben ihr immer einen Zug voraus. Vor lauter Frust gerät sie in eine Internet-Sex-Erpresser-Affäre.

Bertrand (Denis Podalyès) betreibt einen Tattoo-Laden, möchte aber einen Food-Truck anschaffen und will Übeltäter verfolgen, die im Internet seine Tochter in den Social Media bloßgestellt haben.

Und Christine (Corinne Masiero) fährt ein Taxi, das sich Hollywood-ViP-Service nennt, bekommt aber nie mehr als einen Stern in den Internetbewertungen, das ist verflixt.

Alle drei verbindet, dass sie Finanzprobleme haben und dass sie Internet-Opfer sind und da sie sich kennen, werden sie sich zusammenschließen, um den Tätern auf die Spur zu kommen, egal, ob das Internetkonzerne sind oder KI-Stimmen; sie haben es mit großkalibrigen Gegnern zu tun und wie sie das angehen, das bleibt selbstverständlich provinziell klein, aber nicht ohne Effekt, denn es gibt auch noch den Hacker, der in einem ungewöhnlichen Versteck sich eingenistet hat; daneben gibt es eine köstliche Satire über Auswüchse des Wohlfahrtsstaates beim ersten Dienstherrn, bei dem Marie zwei Stunden wöchentlich als Putze arbeiten soll.

Delépine und Kervern erzählen das nicht als auf Thrill gebürsteten Krimi. Der ist für sie vielmehr nur Vorwand, um den alltäglichen Kampf des Menschen mit den Tücken des Internets, mit Passwörtern, Warteschleifen, kostenpflichtigen Endlosansagen, dem Amazon-Elend, Kreditkarten, KI-Ansagen, Möbelverkauf und Jobsuche übers Internet und Manipulation von Bewertungen sich sehr genau und humorvoll anzuschauen; sie betrachten sozusagen amüsiert die Lebenserschwerungen durch die Erleichterungen des Internets und der sozialen Netzwerke, was diese Leben oft so aussichtlos erscheinen lässt – dagegen hilft nur Lebenslustmusik. Ist doch alles auch ohne Corona schon kompliziert genug.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.