Dear Evan Hansen

Läuterungsmusical

mit viel Süß um bittere Wahrheiten.

Bitter ist, dass Evan Hansen (Ben Platt) ein einsamer Collegeschüler ohne Vater und mit Mutter ohne Zeit (Julianne Moore) ist und bitter ist, dass er sich nach dem Selbstmord von Connor (Coltron Ryan) auf eine Lüge einlässt, die eine gewaltige Verständnismaschinerie in Gang setzen wird. Diese Fakten stellt Stephen Chbosky in seinem Film nach dem Drehbuch von Steven Levenson nach dem Musical von Justin Paul und Ben Pasek nüchtern als Exposition dar.

Evan und Connor sind beide kontaktlose Außenseiter. Evan ist in Therapie und muss Medikamente nehmen, zudem hat er einen Arm im Gips. Er behauptet, er sei von einem Baum gefallen. Das mag glauben, wer will.

Evan und Connor haben anfangs des Filmes zwei unfreundliche, rempelhafte Begegnungen. In der Folge findet sich bei Connor ein Brief, den Evan aus therapeutischen Gründen an sich selbst geschrieben hat.

Außerdem hat Connor ganz groß seinen Namen auf Evans Gips geschrieben, da niemand sonst für so ein Autogramm zu haben war.

Die verzweifelten Eltern von Connor, Mutter Cynthia (Amy Adams) und Stiefvater Larry (Larry Pino), finden den Brief bei Connor und glauben, Evan und er seien dicke Freunde gewesen. Evan ist zu scheu, das zu dementieren. Das Fundament für das Lügengebäude ist gelegt, auch Connors Schwester Zoe (Kaitlyn Dever) bastelt eifrig mit.

Richtig viral geht die Gedenkmaschinerie mit der Aktivistin Alana (Amandla Stenberg) und nach tatkräftiger Vorarbeit durch Jared (Nik Dodani). Die Amis können so einen Tod und die Geschichte einer rührenden Freundschaft meisterhaft aufbauschen und missionarisch aufladen. Bis die Lüge auffliegt. Und dann schlägt erst recht die Stunde der Verständnis- und Versöhnungskunst. Die Welt kann wieder in Ordnung gebracht werden. Und sogar Mutter Heidi Hansen wird ihren Sohn erstmals seit ewig wieder in die Arme nehmen.

Es ist ein Musical ohne Chor und ohne Gruppentanznummern, überhaupt fast ohne Tanz. Die Sänger fangen aus einer Szene heraus an zu singen oder bewegen sich durchs Collage, die Mitschüler als Staffage. Die Liedtexte drehen sich um die Einsamkeit des Protagonisten und die daraus resultierenden Qualen (und Hoffnungen:„When your broken on the ground, you’ll be found“).

Der Moment der Geburt der Lüge, weil die Eltern von Connor sich nichts sehnlicher wünschen, als dass er einen Freund gehabt hätte (im College hängt immerhin ein Poster an der Wand, das Diversität propagiert), wirkt direkt grotesk. Auch hier fällt einem wie schon bei Ron läuft schief der alte deutsche Schlager „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das beste, was es gibt auf der Welt“ ein. Die Erzählweise der Story entwickelt sich zusehends in Richtung Soap.

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