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Starke Frauen

Jasmina Tabatabai als Ava ist die dominierende Figur in diesem deutschen Tanzfilm. Ihre Künstlerinnenträume hat sie fallengelassen; sie jobbt als Taxifahrerin. Ein Projekt mit Strafgefangenen lässt ihre Träume von einem urbanene Tanztheater wieder aufleben.

Nicolette Krebitz ist die idealistische Träumerin von Resozialisierung durch Tanz im Gefängnis; sie will Ava für das Projekt gewinnen. Sie ist entzückend und glaubwürdig als diese Figur im Sekretärinnenlook. Leider durchbricht sie diesen einmal, wie es scheint aus schauspielerischer Eitelkeit, um zu zeigen, dass sie auch anders aussehen kann. Schade, aber verständlich im Hinblick auf einfältige Castingvorstellungen.

Katja Riemann als Dr. Goldberg ist eine Wucht in der Charge einer zerzausten Funktionärin in der Gefängnis-Administration. Solche Chargen sind die Perlen eines Filmes.

Katja von Garnier gehört bei diesem Film auch in die Galerie starker Frauen; ihr Regiehändchen hat sie zuletzt bei den Ostwind-Filmen bewiesen. Da ging es um das Coming-of-Age von Mädchen in Kooperation mit Pferden. Hier geht es um Resozialisierung mit Tanz, wobei die jungen Häftlinge auch lernen sollen, Vertrauen zu fassen.

Daphne Ferraro, die zusammen mit Anna Christ und Lene Pottgießer aus dem ’script development writers‘ room laut IMDb das Drehbuch geschrieben hat, scheint das Muster der amerikanischen Tanzfilme gut studiert und auf deutsche Verhältnisse übertragen zu haben. Wobei mir einzig scheint, es hätte vollkommen gereicht, sich auf den persönlichen Konflikt der Hauptfigur zu konzentrieren. Ava eine eigene unerledigte Geschichte aufzubürden, ist bereits ein Toomuch zuviel.

Die Hauptfigur ist Rebecca, verkürzt Bex genannt. Sie ist eine Frau, die ihre Freiheit genießen will, die Träume vom Fliegen und von der Leichtigkeit, und die das auch beim Autofahren auszuleben versuchte mit den gravierenden Folgen einer Kollision mit einem anderen Auto und schlimmen gesundheitlichen Konsequenzen für einen jungen Mann. Svenja Jung spielt diese Rolle, die die Leichtigkeit des Tanzes und des Fliegens verkörpern sollte. Sie ist zweifellos eine ordentliche junge Berufsschauspielerin, die offenbar im deutschen TV-Geschäft gerade angesagt ist. Sie ist meines Erachtens eine Fehlbesetzung. Da kann sie nichts dafür. Jede andere junge Schauspielerin würde nach dieser Rolle greifen. Denn es ist eine jener Rollen, die dazu geeignet sind, ein junges Talent zum Star zu machen. So wie Silvia Seidel mit ‚Anna‘ vor etwa 30 Jahren.

Hier ergeben sich aber ähnliche Probleme wie mit dem Hamburger Tanzfilm Into the Beat – Dein Herz tanzt. Wobei schwer zu analysieren ist, wie so ein kapitaler Fehler, der den Film in seiner Beachtungsweite auf Deutschland einschränken dürfte, passieren kann. Hat bei den Produzenten das Bewusstsein für die Chance dieser Rolle gefehlt? Haben sie nicht genügend systematisch gesucht? Wie ist das Casting vonstatten gegangen? Oder spielte sogar die Angst vor einem neuen Star, der/die dann stärker wäre als alle Filmfunktionäre zusammen, zu groß? Mit der Besetzung dieser Rolle steht und fällt der Film. Von Into the Beat war jedenfalls nicht zu hören, dass er eingeschlagen habe.

Schnitttechnisch hat sich Katja von Garnier Spielereien einfallen lassen mittels Flash aus dem Bewusstseinsstrom und für das Ende soll mit Seifenblasen noch ein Schuss Romcom beigemixt werden. Es gibt beachtliche Hip-Hop-Acts und die Tanz-Nummer, die sich beim Warten auf dem Amt entwickelt, erinnert in seiner Intention an das berühmte Ballett ‚Der grüne Tisch‘ von Kurt Jooss.

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