Geliefert (ARD, Mittwoch, 13. Oktober 2021, 20.15 Uhr)

Herrn Mädels Wadentraining

Jetzt haben wir den luxuriösest ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Welt, dem eben vom Bundesverfassungsgericht eine Erhöhung des unfairen Rundfunkhaushaltbeitrages gestattet worden ist, wodurch dessen Finanzierung sozial noch unausgewogener wird, und dann gebiert diese Matrone unter den Treuhänderinnnen Anke Ferlemann und Monika Lobkowicz einen so schwachen Film über prekäre Verhältnisse, offenbar für ahnungslose Zwangsgebührenzahler, als hätten die beiden Redakteurinnen noch nie ewas von einem Ken Loach gehört.

Dabei hat das Bundesverfassungsgericht dem Rundfunk die volle Unabhängigkeit als Begründung für die Preiserhöhung zugesprochen und garantiert keine Provinzialität vorgeschrieben. Als gäbe es nicht den Film Sorry, we missed you von Loach, wo es um haargenau dasselbe Thema geht; aber hier im vorliegenden Film ist nicht mal die Art des Vertrages spezifiziert; ungenaue Drehbucharbeit.

Unter welchem Druck so ein Paketauslieferer steht, kommt bei Loach brillant zur Geltung und das ganze soziale Umfeld und die rechtliche Situation. Dort geht es dezidiert um Scheinselbständigkeit.; das fasziniert und wird prima nachvollziehbar dank exzellent recherchierter und konkret-präziser Drehbucharbeit. Hier in good old Germany schreibt ein Jan Fehse das Buch, führt auch noch die Regie, als hätte er nie im Leben einen wahren Menschen und schon gar nicht einen Paketauslieferer beobachtet; es geht beim deutschen Luxusfernsehen nur so pauschal um ausbeuterischen Stress.

Bjarne Mädel, der ihn spielt, keucht auch noch nach einem Jahr, so lange soll er den Job schon machen, übermäßig, wenn er die Treppen mit überschweren Paketen rauf und oft auch wieder runtersteigt. Das scheint das einzig belastbare Produkt dieser Dreharbeiten zu sein, dass die Waderl von Mädel zugelegt haben dürften.

So wie Mädel die Rolle anlegt, wäre er – bei Loach zumindest – schon nach zwei Tagen seinen Job losgeworden. Stattdessen triefen er und der Film schmalzig vor lauter Sozio-Melodram.

Zehn Minuten vor Schluss werden alle Darsteller melancholisch und der Protagonist, der eine eindeutige Fehlbesetzung ist – aber das sehen die Mädels von der Redaktion natürlich anders – bekennt weinend, dass er gestohlen habe; „Ich habe Geld gestohlen.- Ich trau mir selbst nicht mehr“. Vielleicht ist er einfach zu dumm für den Job.

Da Mädel finanziell in der Klemme steckt, lässt er sich von einem Kollegen überreden, parallel zum Ausliefern der Pakete noch Rauchmelder zu installieren – ein theoretisches Konstrukt zum Haarölsaufen. Da wechselt er dann noch ständig die Arbeitsjacken. Und hat offenbar keine Ahnung, dass seine Fahrten getrackt werden. Als ob die Firma ihm das nicht gesagt hätte, damit er Bescheid weiß, dass er kontrolliert wird.

Höflichkeitshalber wollen wir die Namen der übrigen Darsteller nicht erwähnen, um ihnen die Peinlichkeit zu ersparen, in so einem weltfremden, schlecht gearbeiteten Film mitgespielt zu haben.

Es gibt noch eine Conny. Die ist Polizistin. Es wird unklar, in welcher Beziehung sie zum Protagonisten steht. Einmal gehen sie gemeinsam an ein Grab und Mädel sagt bedröppelt „Es ging so schnell, kein halbes Jahr nach der Diagnose“.

Der Film wirkt wie das Produkt eines Wochenend-Drehbuchworkshops für Laien. Der Protagonist kommentiert gerne die Situationen mit Mund- und Schluckbewegungen. Er ist in Finanznöten nach der Trennung von seiner Frau. Er lebt mit dem Sohn, der gerade 16 sei, zusammen. Dieser hat Probleme in der Schule.

Der Protagonist ist ein Paketausträger, der ein persönliches Verhältniss zu einer alten Frau entwickelt – wenn der Paketbote zweimal klingelt -, er repariert Schäden bei den Sicherungen, macht die alte Frau, die nicht mehr gut hört, darauf aufmerksam, dass sie nicht den Föhn im Bad laufen lassen soll, wenn sie noch ein anderes elektrisches Gerät benutzt, irgend so halt.

Mädel kommt zur Erkenntnis, dass alleinerziehender Vater und Gepäckbote nicht zusammenpasse. Sohn will auf Klassenfahrt nach Mallorca. Aber Papa hat das Geld nicht. Dann spielt er eine miserable Fuß-Verstauch-Szene, worauf er im Krankenhaus landet. Daraus entwickelt Fehse den Handlungsbogen, dass Mädel gekündigt wird und eine gute Seele meint zu ihm, er solle sich dagegen wehren. Der Anwalt einer Gewerkschaft berät ihn und schickt der Paketfirma den Zoll auf den Hals.

Man kann sich nur an den Kopf langen, jetzt haben die beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk so viele Milliarden und schaffen nur so ein unsolide gearbeitetes, teils schlecht gespieltes und kaum durchdachtes Werkchen und senden das auch noch zur Hauptsendezeit.

Es darf gewettet werden, wieviele Paketzusteller überhaupt zuschauen, oft sind die nämlich um die Zeit noch unterwegs, und ob es dann auch nur einen gibt, der sich deshalb gegen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen wehrt.

Die Begründung für den Job liefert Mädel so: „ Da ich als Briefträger für die Post gearbeitet hab, hab ich gedacht, Paketdienst wäre ne gute Idee“. Er ist ein Gutmensch ohne Grenzen, er kümmert sich nach dem Tod der alten Frau um deren Katze, klaut ihr aber auch Bargeld und bestattet die Urne höchstpersönlich im Grab des ihr vorangegangenen Gatten. Was ist das für ein Kitschmenschenbild, was Ferlemann und Lobkowicz hier dem bemitleidenswerten Zwangszuschauer unterjubeln wollen.

Mädel übt auch Krankenhauskritik: „Und Ihr glaubt wirklich, dass man bei dem Essen wieder gesund werden kann?“.

Es kommen einem berechtigte Zweifel ob die Damen Ferlemann und Lobkowicz das ihnen vorgelegte Drehbuch überhaupt gelesen haben. Glauben die Damen nicht, dass es auch intelligente Leute unter den Zuschauern gibt?

Irgendwie muss der Brei zu einem glücklichen Ende zusammengemantscht werden. Merke: „Und wenn du stiehlst, verlierst du am Ende nur den Glauben an Dich selbst – Die Waschmaschine ist auch kaputt“.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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