Töchter

Oder Väter

Wo es Töchter gibt, gibt es Väter (selbstverständlich auch Mütter, aber die spielen hier keine Rolle).

Im Roman von Lucy Tanja Fricke, die mit Regisseurin Nana Neul auch das Drehbuch geschrieben hat, scheint es vor allem um die Befindlichkeit von zwei Töchtern zu gehen, die zu ihren Vätern ein Nicht-Verhältnis haben.

Zumindest sind es ungeklärte Verhältnisse, dunkle Verhältnisse, die Frage wird gestellt „Wer braucht schon Licht?“. Das Kino braucht das Licht, um Gegenstände, Situationen sichtbar zu machen. Bei einem Roman ist das vielleicht etwas anders. Der braucht kein Glühlampen, der kann sich in der Beschreibung von Gefühlen suhlen und trotzdem spannend wirken und die Leser(innnen) ansprechen.

Möglicherweise war sich die Regisseurin dieses Drehbuchproblems durchaus bewusst. So hat sie es jedenfalls clever mit einem topnotch Cast gelöst. Sie konnte eine Garde der exzellentesten deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler für den Dreh zwischen Dortmund, Genua und einer griechischen Insel gewinnen, die selbst, wenn sie sich am Hintern kratzen, überzeugend wirken. Gekonnt auf höchstem Niveau.

Das wird augenfällig gleich bei der ersten Szene. Birgit Minichmayr taucht als Betty in Rom aus der Grotte einer Kirche auf. Sie macht ein paar Schritte durch das Kirchenschiff und landet bei einem Seitenaltar. Sie steigt auf den Altar und will die Füße des nicht allzu mageren Jesus am Kreuz berühren. Da klingelt das Handy.

Bei diesem Auftritt ist bereits klar, dass es sich um einen hochprofessionellen Schauspielerinnenauftritt handelt, die genau weiß, was sie tut, die jeden Schritt setzt. Das kann man begutachten, aber irgendwas fehlt auch, was einen fesseln würde. Frau Minichmayr geht gekonnt durch eine Kirchenschiff.

Betty kann zu ihrem Vater kein Verhältnis haben, da er als tot gilt; die Urne befindet sich in einer Urnenmauer. Betty ist befreundet mit Alexandra Maria Lara als Martha. Was das genau für ein Verhältnis ist, bleibt in der Schwebe.

Martha, von ihrem Vater Kurt (Josef Bierbichler) Schnurri genannt, soll diesen von Dortmund in dessen alter Schrottkarre in die Schweiz zu einer Exit-Station begleiten. Letzte Fahrt. Die Freundin soll sie begleiten. Diese siezt ihren Vater und vice-versa.

Damit setzt sich das Roadmovie in Schrottkarre und mit ungeklärten menschlichen Verhältnissen in Gang. Erster Detour führt vor dem Exit ins Tessin. Dort will der Vater eine Verehrerin das letzte Mal sehen.

Die beiden Freundinnen, respektive Töchter, fahren weiter nach Italien. Betty sucht dort das Grab ihres Vaters. Dann glaubt sie plötzlich, dass er noch lebt und in Griechenland sich aufhalte. Grad detailliert wird die Verknüpfung der Vermutungen nicht als dramaturgischer Faden eingewoben. Vorher noch hatte Martha, die doch wieder Auto fahren wollte, die Schrottkiste auf einer Mauer aufgesetzt; nicht mehr zu gebrauchen.

Dann ist Betty erst mal allein auf einer griechischen Insel. Dort gibt es junge Männer und alte Männer. Später erscheinen auch Kurt und Martha. Irgendwann nach zwei Stunden ist der Film plötzlich zu Ende, die beiden großartigen Protagonistinnen dürfen im griechischen Meer auf dem Rücken sich vom Wasser tragen lassen und Beine und Arme spreitzen.

Nebst Töchterbefindlichkeit (worüber man in welchem Lebensalter gesprochen hat, das Problem, Tabletten oder Kaffee zu beschaffen oder dass man keine zwölf mehr sei; auch, dass man medizinisch aus dem Gleichgewicht sei oder dass zurückzufahren nicht gut sei oder wann genau sich eine als Monster fühlte – lauter Dinge, die nicht unbedingt dazu angetan sind, einen intellektuellen Kitzel auszulösen) sind Lebensweisheiten in die Dialoge eingebaut sowie Querverweise auf Hemingway oder auf eine TV-Talkshow-Größe; Zeitungen liegen in Pensionen und Hotels auf. Kurz gefasst, ein höchst glaubwürdiges Familienkäckerchen.

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