Titane

Nicht Blei im Blut,

das ist geradezu harmlos gegen das Titan, was Alexia im Schädel hat.

Spießbürgerlich fängt der Film von Julia Ducournau an. Papa ist im Auto unterwegs mit Töchterchen Alexia auf dem Rücksitz. Töchterchen stampft mit den Füßen unentwegt gegen die Rücklehne von Papa. Dann schaut sie noch hintenraus, ärgert Papa so sehr, dass er die Kontrolle über das Fahrzeug verliert.

Alexia landet im Krankenhaus, erhält im Schädel hinter dem einen Ohr eine Titanplatte eingebaut. Das ergibt eine leinwandfaszinöse Narbe, erinnert an Masken von Außerirdischen.

Jetzt macht der Film einen Sprung zur erwachsenen Alexia (Agathe Rousselle), einer atemberaubend sexy Blondine, die bei einem Automobilsalon aufreizende Posen auf einer Kühlerhaube macht; das abgelutschte Weibchen-Auto-Promotionsschema.

Damit beginnt die knüppelharte Performance eines Parforce-Rittes durch die Grenzbereiche menschlicher Selbstdefinition qua Geschlecht, Sexploitation, Begehren und Tod. Im Grenzgebiet zwischen Blei im Blut und Titan im Hirn und dem Mut des Feuerwehrmannes. Antifamiliärer geht nicht. Es ist die Retourkutsche auf die anfängliche Szene im Familienauto, in der das Unglück des Exzesses seinen Anfang nimmt.

Gegen dieses Familär-Bürgerliche zündelt der Film unentwegt, gegen dessen bequemen und konventionellen Geschlechts-, Identitäts-, Verhaltens- und Rollenmuster, die sich in der Feurwehrmännerkameraderie oder im Fantum eines Automobilmessebesuchers zeigen und die niemand geschäftlich extremer ausbeutet als die Automobilindustrie mit ihren Kühlerhaubenladies.

Es ist ein rebellischer Wumms, den Julia Ducournau auf die Leinwand schleudert als eine Kunstperformance der Sonderklasse in der Nachfolge der Wiener Aktionisten.

Die Wut und das Aufbegehren müssen tief sitzen, wie die masochistische Verzweiflung einerseits und der Überlebenshunger andererseits. Da bleibt kein Millimeter Leinwand frei für Idylle, Romantik, Liebesgesülze, Hochzeitsträume, Liebeshoffen oder Suche nach Lebenssinn. Hier ist radikale, unerbittliche Kunst – titanverstärkt.

Die Morde mit der Haarnadel passieren schnell und unvermittelt, ebenso die Flucht von Alexia in die Rolle des vermissten Adrian, den sein Vater Vincent, der Feuerwehrhauptmann, gerne und unbesehen als verlorenen Sohn aufnimmt.

Kunst: Es gibt Fotomomente, die an Helmut Newton denken lassen.

Zur atemberaubenden Wirkung des Filmes trägt die Kamera insofern bei, als sie überwiegend wie bei den Dardenne-Brüdern dicht an der Protagonistin dran bleibt, auf Atem- und Hautkontakt.

Der Film rüttelt wie Tropensturm Ida an den bequemen Gewissheiten und Gewohnheiten bürgerlichen Lebens; insofern liefert er eine furiose Katharsis. Dabei glaubt auch jenes, seinen Exzess zu haben, wie der wilde Tanz der Feuerwehrmänner inmitten ihrer Feuerwehrautos zeigt – da könnte sich so mancher Film bei den ach so unvermeidlichen Discoszenen inspirieren lassen.

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