Nowhere special

Kalt den Rücken runter

oder: einen Menschen in seine Wohnlichkeit einbauen.

Auf den ersten Blick könnte der Film von Uberto Pasolini (Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit) wie eine simple Rührgeschichte wirken: ein alleinerziehender Vater und Fensterputzer, John (James Norton), versucht seinen kleinen Buben Michael (Daniel Lamont) bei Adoptiveltern unterzubringen.

Über den Verbleib der Mutter ist zunächst nichts bekannt, jedenfalls ist sie nicht da und es scheint unwahrscheinlich, dass sie zurückkommt. Die Wahrheit will der Vater dem Söhnchen, das schon mal fragt, wo Mama sei, vorläufig vorenthalten.

Das Adoptionsthema, wie es der deutsche Film Pelikanblut schon explizit und exemplarisch abgehandelt hat, bleibt aber nur vordergründiger Aufhänger für das, worüber Uberto Pasolini erzählen will und das, was schmerzhaft einfährt bei diesem Film: das Urthema Menschlichkeit und deren Perversion.

Nicht umsonst heißt der Titel, Nowhere special, an keinem besonderen Ort; das kann überall sein und passieren, diese Verbiegung der Menschlichkeit findet sich allerorten. Damit spielt der Film schon in den ersten Bildern, die John bei seinem Job zeigen. Er putzt Fenster bei Geschäften und bei Privathäusern. Die Kamera tut gar nicht erst so, als ob sie dadurch zufällig Einblick in die unterschiedlichsten Verhältnisse erhält, sie berichtet hier direkt davon, was den Filmemacher interessiert und was er so hervorragend transportiert, dass einem kalt den Rücken laufen kann.

Der Film erzählt von einem Casting möglicher Adoptiveltern für Michael. Shona (Eileen O‘ Higgins) von der Agentur betreut ihn, begleitet ihn bei den Kennenlernbesuchen potentieller Familien, Paare oder Singles, die Interesse an einer Adoption eines Kindes haben. Ist es mit einem eigenen Kind schon schwierig, es zu einem freien Menschen zu erziehen, wie erst mit Adoptiveltern, bei denen der Wunsch nach einem Kind sich anhört, als ob sie ein neues Möbeltstück in ihre perfekt nach ihrem hoheitlichen Wunsch eingerichteten Behausung suchen.

Es ist vielleicht das Erschütternde, was Pasolini hier so glasklar herausarbeitet, dass es den meisten potentiellen Adoptiveltern gar nicht um das Kind geht, sondern darum, ihre eigene Vorstellung vom Paradies in den eigenen vier Wänden zu verwirklichen und dazu gehört nun mal ein Kind – nur dumm, dass man das nicht so einfach in der Zoohandlung aussuchen und bestellen kann; sondern, dass man zur Selbstdarstellung gezwungen ist.

Und wenn man selber kein Kind schafft, weil die Frau vielleicht Angst vorm dicken Bauch hat, dann muss anderweitig eins beschafft werden. Oder die Familie, die ganz offenbar den Lebensunterhalt mit Pflegekindern bestreitet, es wird aber das letzte sein, beschwören sie John.

Beklemmend, wie Pasolini das inszeniert, wie Michael schaut, schon mal spielt, aber auch wieder fragt, ob sie denn jetzt immer neue Freunde suchen.

Und dann, das ist vom Filmemacher selbstredend kalkuliert, die unendliche Harmonie zwischen dem zugeneigten Vater und dem Sohn, wie Papa ihm Geschichten vorliest, wie er bis auf einmal nie böse ist mit dem Kind, auch wenn es mal nicht so gut gegangen ist. Es ist eine natürliche Humanität zwischen den beiden. Es ist all das da, was gerade bei den potentiellen Pflegeeltern augenfällig fehlt.

Aber John hat eben auch noch ein Problem; wohl ein gesundheitliches. Mit Symbolik geht Pasolini zurückhaltend um, auf der Tasse des Vaters steht „No 1 DAD“, einmal bleibt eine Plastikflasche in einem Wasserstrudel eines Baches hängen, einmal entfliegt ein roter Luftballon, ganz beiläufig, wie überhaupt die Inszenierung mit den fantastisch ausgewählten Schauspielern größtmögliche Zurückhaltung übt, ganz leise und verhalten ist, auf jegliche Besserwisserei oder jegliches Fingerzeigtum verzichtet. Ein Kind ist kein Einrichtungsgegenstand.

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