Zu den Sternen

Künstler und Charakter

sind keine Synonyme, das zeigt dieser hochkonzentrierte Film von Nicolai Tegeler nach dem Drehbuch von Dirk Josczok.

Marco Hoffmann (Günter Barton) ist ein erfolgreicher Schlagersänger im Deutschland nach der Vereinigung, Mercedes, Wohnsitz im Tessin. Er hat Erfolg mit Schlagern, er selbst insistiert darauf, dass es Chansons seien, wie „Zu den Sternen“. Er hat schon zu Zeiten vor der deutschen Einheit in der DDR erfolgreich mit einer Band Musik gemacht. Jetzt lebt er im Wohlstand, hat Fernsehauftritte. Ein paar Andeutungen reichen, üppige Details werden uns erspart.

Nach einem Auftritt findet er in der Post einen Brief von Volker Hinze (Florian Martens). Der war damals in der DDR mit dabei in der Band. Aber von ihm hat er lange nichts mehr gehört. Kein Wunder, der war, das kann man sich gut merken, das Jahr der französischen Revolution, 1789 Tage im DDR-Knast.

Jetzt, einige Zeit nach der Vereinigung, hat Hinze die Stasiunterlagen eingesehen. Denn er hat sich über ein paar Dinge gewundert, dass die Stasi sein Versteck im Zug gefunden hat, obwohl nur ein einziger Mensch, sein Blutsbruder und Musikerfreund Marco Hoffmann, davon wusste; er wunderte sich, dass die Stasi so genau wusste, was in einem Paket aus dem Westen drin war, obwohl nur sein Band- und Blutsbruder Macro Hoffmann beim Auspacken dabei war.

Das ist das zentrale Pfund dieses spannenden Filmes: das Wiedersehen der beiden ehemaligen dicken Freunde, von denen der eine den anderen ganz offensichtlich an die Stasi verraten hat.

Tegeler inszeniert das, was praktisch ein ausführlicher Dialog ist, exzellent mit seinen prima ausgewählten Darstellern. Es ist ein exquisites Kammerspiel geworden. Die Schuldfrage und wie damit umgehen steht im Raum; wie einem Menschen wiederbegegnen, der einem das Leben ruiniert hat; denn Hinze hat offensichtlich Schäden von seiner Gefangenschaft davongetragen; das dürfte nicht direkt mit seiner Liebe zum Alkohol zu tun haben.

In seiner Gewissens-Intensität erinnert das an Theaterstücke aus den 50er Jahren, als die Kultur anfing, das Unfassbare des Zweiten Weltkrieges aufzuarbeiten, Stücke von Anouilh und Giraudoux. Der BR könnte sich mit seiner Trimedialität oder Crossmedia-Strategie ein Stück abschneiden von diesem Kinojuwel, das vermutlich mit wenig Änderungen genauso gut als Hörspiel zu verkaufen wäre, als Theaterstück sowieso und ebenso am Fernsehen und im Kino dürfte es nicht weniger bannend sein; weil Tegeler sehr bedacht, karg und trotzdem abwechslungsreich diese an sich schwer zu inszenierende Dialog-Situation kinematographisch auflöst. Liberté, Egalité, Beaujolais!

3 Gedanken zu „Zu den Sternen“

  1. Hallo – und vielen Dank für die konstruktive und freundliche Kritik zum Film. Er basiert tatsächlich auf der Vorlage meines Hörspiels MÖRDERGRUBE (WDR 1998) und ist auch schon als OFF-Theaterstück inszeniert worden (2005). Seitdem hatte es viele vergebliche Versuche gegeben Förderung für das Drehbuch (verschiedene Versionen) zu bekommen bzw. es beim TV unterzubringen. Schließlich hat es Nicolai Tegeler selbst low budget produziert und es wird nun auch im MDR ausgestrahlt werden. Manchmal dauert es eben „etwas“ länger…
    Zum Nachlesen gibt’s das Buch übrigens auch auf meiner Website (http://www.dirkjosczok.de)
    Herzliche Grüße
    DIRK JOSCZOK

  2. Vielen Dank Dirk Josczok für Feedback und Hintergrundinfo – ich habe mir erlaubt, den Link zu Ihrer Website zu aktivieren.

    Mit besten Grüßen
    stefe

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