Walter Kaufmann – Welch ein Leben!

Inspirierend

Wann kann man das schon von einem Holocaust-Verarbeitungs-Film behaupten, dass er inspirierend sei, wie hier beim Biopic von Karin Kaper und Dirk Szuszies über den Schriftsteller Walter Kaufmann.

Wobei der Film ganz am Schluss, da Kaufmann erst dieses Jahr gestorben ist, zum Nachruf wird.

Dass der Holocaust in diesem Film zwar durchgehend präsent ist, aber eben nur als mahnende Präsenz im Sinne von, dass wir wach bleiben sollen, damit so etwas nicht wieder vorkommt, das ist dem Spirit des Autors und der beiden Dokumentaristen zu verdanken, die das als verpflichtende Haltung zur Betrachtung seiner Geschichte übernommen haben: so unbestechlich wie möglich auf die Dinge zu blicken, sie auf diese Art treffend zu beschreiben.

Karin Kaper und Dirk Szuszies haben es mit einer geschickten Montage geschafft, aus exzellentem Archivmaterial, vieles außerhalb des üblichen Rahmens, sowohl Fotos als auch Filme, aus Buchzitaten auf der Tonspur, mit Walter Kaufmann als direktem Erzähler und mit einer Bilderstrecke von heutigen Impressionen aus Stationen seines Lebens, auch von Gedenkstätten, aber auch von Häfen und Skylines von Metropolen, Landschaften, auf Spirit statt auf Bedröppelung zu setzen; Vorrang geistiger Wachheit, Betrachtung und Auseinandersetzung. Exakte, präzise Beschreibung bewältig die Welt und nicht Trauer, Rache oder Ressentiment.

Kaufmanns Leben verlief abenteuerlich und abenteuerlich wird es hier präsentiert als eine Geschichte, die in Berlin angefangen hat, die Welt umspannte und in Ostdeutschland endete.

Kaufamnn wurde mit etwa drei Jahren von seiner Mutter zur Adoption freigegeben, wuchs bei gut bürgerlichen Adoptiveltern im Ruhrgebiet auf. In der Nazizeit wurde er mit einem Kindertransport nach London verschickt. Von dort aus ging es um die Welt, zuerst als Internierter mit einem Schiffstransport nach Australien.

Zu schreiben hat er früh angefangen.Erfolg kam bald. Das Schreiben war sein zentrales Lebenselement.

Immer wieder fuhr er zur See als Matrose.

Ein Running-Gag in dem Film ist der Satz „Und Walter Kaufmann schrieb“ – es folgen Zitate aus Büchern im Zusammenhang mit den jeweiligen Stationen im seinem Leben. Er landete in der DDR, hochangesehen; es entwickeln sich weltweite Beziehungen, USA, Prozess gegen Angela Davis, die kubanische Revolution, Israel und die Palästinenser, die Entwicklungen in der DDR, …. und Walter Kaufmann schrieb und schrieb …

Das fasziniert an ihm: dass er die Welt anschaut und nicht primär sich und sein Schicksal; eine Bemerkung wie die, dass er sich selbst vorkam wie „ein Toter auf Urlaub“, wie er an den Ort seiner Kindheit zurückkehrte und dort nicht bleiben wollte, bleibt die Ausnahme.

Der Drive aus seiner Weltsicht, aus seinem Denken ist der: die Dinge genau anschauen, genau beschreiben; aufmerksam zu sein, Entwicklungen erkennen und analysieren. Sein Denken scheint ihn fit gehalten zu haben. Nach dem Ende der DDR musst er nochmal von vorne anfangen.

Der Film lässt einen optimistisch zurück, ermuntert zu wacher Beobachtung der Vorgänge, gerade auch der politischen, um uns herum. Chapeau!

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