Dem intellektuellen Mittelbau auf den Zahn gefühlt

Hier geht es um Ärzte, Zahnärzte, Schauspieler, Galeristen; nicht die ganz großen Nummern ihres Bereiches, um den Mittelbau.

Im Zentrum dieser Aufstellung stehen Dina (Anna Brüggemann) und Michael (Alexander Khuon), als Paar, als Liebespaar, als Elternpaar, als gebildetes Paar, sie ist Schauspielerin, er wird Arzt, Chirurg.

Dietrich Brüggemann, der mit seiner Schwester und Protagonistin Anna auch das Drehbuch geschrieben hat, fängt den Film mit einer bannenden Bettszene der beiden an. Die Kamera steht immobil vor dem Bett. Man sieht nur die beiden Köpfe unter den Decken hervorlugen. Sie führen ein leises Gespräch. Sie möchte heiraten, Kinder, er denkt an eine vorübergehende Auszeit.

So ganz wird das Paar das Thema im Laufe des Filmes nicht loslassen, der in unregelmäßigen Sprünge manchmal über Tage, über Wochen oder gar über Monate und Jahre vorwärts springt und der eine einzige Rückblende über den vielleicht aufregendsten Moment ihrer Beziehung einbaut, den Fixpunkt der Fahrt im Eisenbahnabteil, das sie sich freihalten haben, indem sie an den Stationen heftig schmusen. Das ist ihr Glückskulminationspunkt, der so kaum wiederherzustellen sein dürfte.

Zu jedem Zeitpunkt wählt der Film eine signifikante Situation und breitet die jeweiligen Szenen genüsslich aus. Es ist eine Art unständigen Stationenweges durch das Leben dieser bestimmten, in Deutschland wichtigen Gesellschaftsschicht.

Die Hochzeit von zwei Frauen mit einer bunt gemischten Gesellschaft. Das Thema Pflege kommt vor. Der Vater von Michael, auch ein Intellektueller, referiert über den Klimawandel und die Folgen der Eisschmelze an den Polen. Hanns Zischler könnte man in dieser Rolle fast als eine dokumentarische Originalbesetzung halten, so bemüht er seine Texte bringt, rein auf den Wortlaut bezogen, ohne das menschlich Unterschwellige überhaupt wahrzunehmen. Seine Frau wird gespielt von Isolde Barth, die auch dargestellt wird als eine, die alle Hoffnung hat fahren lassen, die sich abgefunden hat mit ihrem Leben.

Es gibt eine Szene, die ein bissige Satire auf den Kunstbetrieb ist. Die Mutter von Dina ist Galeristin und lädt zu einer Gesellschafts-Performance ein. Die Gäste müssen in einer zweiklassigen Kulturgesellschaft, die sich inVIPs und Fußvolk unterteilt, ihnen zugeordnete Rollen aus dem Kulturbetrieb verkörpern: „Sozialer Status und gesellschaftliche Zwänge“. Zwischen den Schichten ist Stacheldraht gespannt.

Der Zahnarzt (Felix Göser) von Michael ist ein alter Kumpel. Sie standen damals auf dieselbe Frau. Daraus entwickeln die Brüggemanns eine krass schwarzhumorige Szene mit sadistischem Impetus.

Das Liebespaar, das immer noch nicht verheiratet ist, bekommt ein Kind, später noch eines. Auch das wird in entsprechenden Szenen erinnert, ohne die gewissen Boshaftigkeiten und Widerborstigkeiten auszulassen.

Dazwischen kommt eine Szene über einen Schauspielerworkshop von hoher, absurder Wahrhaftigkeit. Ein Thema im Film ist, wie der Mensch sich verhält, ob er sich so verhält, wie die anderen Menschen ihn sehen oder sehen wollen. Auch das wird im Acting-Seminar reflektiert.

Es ist vielleicht eine der zentralen künstlerischen Fragen der Brüggemanns, ob sie einen Zielgruppenfilm machen wollen, also einen Film genau für diese Gesellschaftsschicht. Meine Vermutung ist, gerade nicht. Sie nehmen zwar diesen intellektuellen Mittelbau eines eminent wichtigen gesellschaftlichen Fermentes in ihren Fokus und schauen genau hin. Aber sie schauen genau und beäugen nicht sich selber im Spiegel. Das weitet die Verbindlichkeit des Filmes aus. Das wiederum dürfte den Film auch über Deutschland hinaus interessant machen, weil er letztlich Geschichten aus unserer Zeit erzählt, dieser Zeit – wenn auch teils ins Satirische überzogen – auf den Zahn fühlt. Deswegen ist der Film nicht schematisch, sondern überrascht immer wieder von neuem mit seinen Sprüngen, die so unkoordiniert sind wie das Leben. Aber die Sprünge folgen andererseits wiederum genau dem geistigen Neugierfaden.

Ein Eichendorff-Gedicht findet auch seinen Platz.

In Rähmchen zitiert werden Banalweisheiten, wie „Morgen ist ein neuer Tag“ oder die Negation von „Zeit heilt Wunden“. Der Zahnarzt gerät in Ekstase, wenn er Glenn Gould hört und mit eben dieser Konzentration macht er sich ans Bohren – darin den beiden Filmemachern vielleicht nicht unähnlich.

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