Kommentar zu den Reviews vom 30. September 2021

Der lächerlichste Filmpreis der Welt wird wieder vergeben. Es handelt sich um die Travestie eines Filmpreises. Es ist der Preis der Innung des deutschen Filmhandwerks, des Vereins Deutsche Filmakademie e.V., der so tut, als sei er ein Staatspreis. Und der deutsche Staat tut auch so, als sei es ein Staatspreis, obwohl er auf das Mitbestimmungsrecht verzichtet und lediglich als Zückerchen drei Millionen Euro beisteuert, wonach die subventionsgezüchtete Filmbranche lechzend giert. Es ist also ein Preis, den außer den Betroffenen und den Profitierenden keiner so richtig ernst nehmen kann und bei dem allzuviel hinter geschlossenen Türen ausgemarcht wird. Es ist ein Preis, der durch sein Konstrukt ausdrücklich darauf verzichtet, Kino als Gegenstand von Auseinandersetzung öffentlich ins Gespräch zu bringen und wichtig zu machen. Es ist ein belämmert gedopter Filmpreis, eine Mumie, die so tun muss, als lebe sie; die aber kein roter Teppich zum Leben bringen kann.

Interessanterweise gibt es gerade diese Woche nebst dem überfälligen James Bond eine ganze Anzahl beachtenswerter deutscher Filme, die ins Kino kommen: Holocaust-Aufarbeitung, die Push gibt. Scharf beobachtete Mittelschichtstories. Und noch eine kreative Nazizeit-Verarbeitung! Opfer und Spitzel aus der DDR, 30 Jahre später. Auch Kinder wollen heute überall mitmischen, sowieso, wenn es um Vermüllung der Meere geht. Gesichtsblindheit, eine seltene Krankheit, künstlerisch fruchtbar gemacht. In Frankfurt macht eine Galeristin unerwartete Erfahrungen mit einem Immigranten. In London beschäftigt sich ein Schweizer mit irakischen Kriegstraumata. Traumschritte für die Zukunft. Auf DVD meldet sich ein Kultfilm aus den 90ern zurück, unterstützt der Sohn eines weißen Predigers Black Panther, fantasiert sich ein Franzose eine großartige letzte Reise, wirken weitere Coming-of-Age Elementarkräfte und begibt sich eine arme Amerikanerin auf einen Road-Trip. Im Fernsehen sind müde Kabarettistinnen ob ihrer eigenen Trimedialität schier eingeschlafen.

Kino

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN
aber Zeit zum Kindermachen

WALTER KAUFMANN – WELCH EIN LEBEN!
Nichts ist stärker als genaue Beobachtung und genaue Beschreibung.


Ist dieses Paar exemplarisch und exemplarisch mittelprächtig?

DAS GLÜCK ZU LEBEN – THE EUPHORIA OF BEING
Den ganzen, ungeheuren Schmerz in Tanz umwandeln

ZU DEN STERNEN
In der DDR waren sie dickste Freunde; Einsicht in die Stasi-Akte sieht das anders.

DIE PFEFFERKÖRNER UND DER SCHATZ DER TIEFSEE
Votum gegen die Vermüllung der Meere

LOST IN FACE
Was bleibt vom Menschen, wenn das Gesicht unlesbar ist?

LE PRINCE
Durchwurschteln auf Kongolesisch

BAGDAD IN MY SHADOW
Kriegstraumata sind mit Überschreiten von Grenzen nicht weg.

TRÄUM WEITER
Kleintüftler für die große Zukunft

DVD

DONNIE DARKO
Coming-of-Age-Klassiker

SON OF THE SOUTH
Wenn ein junger Weißer Vorurteile abschüttelt.

THE LAST JOURNEY – DIE LETZTE REISE DER MENSCHHEIT
Der rote Mond stürzt bald auf die Erde.

WAVES
Auch hier die gewaltigen Kräfte, die das Coming-of-Age freisetzt.

NOMADLAND
Auf der Schattenseite Amerikas – trotzdem kinotraumhaft schön

TV
3 FRAUEN 1 AUTO
Crossmediale Langeweile ganz ohne Biss
auf BRs neuer Kukident-Schiene

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