The Many Saints of Newark

Die guten alten Verbrecherzeiten
oder die Stimme aus der Gruft

Der Film von Alan Taylor nach dem Drehbuch von Lawrence Konner nach den Soprano-Charakteren von David Chase fängt mit einem Stimmengewirr wie aus dem Jenseits auf einem Friedhof an, suggeriert so schon die Idee der Zeitreise.

Zurück ins Newark der späten 60er und 70er. Hier war die Mafia nicht so glanzvoll wie in New York, die vor allem filmisch ein Riesenhit wurde und Reihen von Filmemachern zu Meisterwerken und Schauspieler zu grandiosen Darstellungen verführt hat.

In New Jersey, dem schmuddeligen Bruder oder Neffen oder wie auch immer von New York, war das weniger glanzvoll. Aber die Story von den Sopranos galt um die Jahrtausendwende als innovativ – und war auch hier ein Gesprächsthema, besonders die Begeisterung der Intellektuellen kannte keine Grenzen.

Aber die Zeiten ändern sich. Damals gabs noch nicht Handys, noch nicht Internet, noch kein Cybercrime, es war sozusagen noch redliches Mafiahandwerk, was da an der Ostküste mit oft italienischem Background, verübt wurde, so engagiert wie das Hohelied der Familie gesungen wurde. Man kannte sich, man erschoss sich.

Richard ‚Dickie‘ Moltisanti (Alessandro Nivola), dessen Grab in der Eingangssequenz kurz von der Kamera gestreift wird, erzählt seine Geschichte, von Anfang an wissend, dass er von seinem Neffen Anthony (Michael Gandolfini) erschossen werden würde; in der Besetzung des Buben erinnert Tony an Franz Josef Strauß – dieser Blick in die Welt.

Der Film beginnt 1967. Als Neuzugang für den Clan bringt der alte Boss aus Italien Joanne (Gabriella Piazza) nach Newark. Eine so aufregende Frau wird im Clan als Beuteobjekt betrachtet und entsprechend behandelt und löst viel Action aus, nicht nur mit dem Schießgewehr. Ihr scheint es eh nur um das gute Leben zu gehen.

In der Zeit brechen in New Jersey brutale Rassenunruhen aus; das erinnert an heute (George Floyd); es gibt erschreckend ähnliche Szenen.

Der Film erzählt, wie der junge Tony als gelehriger und aufmerksamer Schüler des familiären Verbrecherhandwerks heranwächst.

Zur enorm intensiven Erzählweise mit allen Mitteln des modernen Kinos, das so den Eindruck einer Zeitreise vermittelt, kommt für Kenner der Soprano-Serien bestimmt ein gewaltiger zusätzlicher Reiz zum ansonsten musealen Eindruck hinzu.

Es ist großes Kinomuseum.Einerseits. Das Verbrechen hat sich seither weiterentwickelt, es lauert im Internet, es macht keine Show mehr, es dürfte perfider und weniger menschlich geworden sein, weniger familiär.

Andererseits: Warum Ostküstenmafiafilme so attraktiv sind?
Vielleicht weil sie mit einer leinwandaffin pikant-explosiven Mischung aus der mit der Selbstjustizidee angereicherten amerikanischen Waffenvernarrtheit einerseits und dem italienisch filmergiebigen, euphorischen Lob der Familie andererseits eine rar prickelnde Ikonographie ergeben zur Bebilderung dessen, was Machtmenschen sind. Die der Macht zuliebe bereit sind, letzte Schritte zu tun. Das Faszinosum Macht. Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl erhält der Film somit ungeahnte Aktualität in dem Sinne, dass keiner sich eine Illusion auch nur über einen der Kandidaten oder die Kandidatin machen sollte. Wessen es bedarf, um an solche Positionen zu gelangen und vor allem sich da zu halten, darüber gab der Ex-Politiker Erwin Huber am vergangenen Wochenende in der SZ ein aufschlussreiches Interview. Dabei äußerte Huber staatsphilosophische Gedanken, zu denen der aktuelle Mafiafilm wie eine fleischlich-bunt-blutige Illustration aus den schmutzigen Niederungen der Kampfarenen der Macht erscheint.

Nach dem Kino wunderte ich mich auf den Straßen Münchens, in welche Zeit ich denn jetzt hineinkatapultiert worden bin.

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