Je suis Karl

Nicken Sie mal,

diesen Satz wäre man versucht an diesen hochsubventionierten deutschen Themenfilm von Christian Schwochow nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich zu stellen in Anlehnung an die berühmte Geschichte vom chinesischen Henkerwettbewerb; der dritte Teilnehmer führt seinen Schlag mit dem Schwert so präzis, dass der Kopf des zu Henkenden oben bleibt; darauf der Richter zum Gehenkten: „Nicken Sie mal“.

Es ist ja alles da, was es für einen Film braucht, Story, Darsteller, Buch, Regie, Kamera, alle Gewerke bestimmt von lauter Fachleuten besetzt, die wahrscheinlich Mitglied der Massenveranstaltung „Deutsche Filmakademie e.V (Köthener Str. 44 in 10963 Berlin)“ sind – und trotzdem stellt sich stefe die Eingangsfrage.

Keine Frage dagegen ist, dass das Thema ein hochaktuelles ist, dass es rechte Netzwerke gibt, die nichts Gutes im Schilde führen und vor keiner Schandtat zurückschrecken, Beispiel Reichtagsbrand, in der Geschichte wimmelt es davon.

Und auch in Deutschland gibt es Dauerschlagzeilen, Netzwerke bei der Armee, bei der KSK, bei der Polizei und ein hessischer Politiker ist vor dieser trüben Gemengelage auch schon erschossen worden. Ein brisantes Thema. Ein hochaktuelles Thema. Und ein schwieriges Thema dazu, weil vieles der Geheimhaltung unterliegt, weil getäuscht und geblufft wird.

Extrem sichtbar wird diese Schwierigkeit hier im Drehbuch von Thomas Wendrich, das sicher mehr den Ansprüchen des Fernsehens als denen des Kinos gerecht wird. Er sollte sich mal die letzten beiden Filme von Francois Ozon anschauen, wie ein Themenfilm mit leichter Hand spannend und eindrücklich gemacht werden kann (Sommer 85, Gelobt sei Gott).

Aber wir sind in Deutschland, um ein hohes Budget für einen Film zusammenzubekommen ist die Zustimmung von jeder Menge Gremien, Fernsehredakteuren und Filmförderern nötig. Und da fängt das Elend des gremienkompatiblen Filmes an, es wird ein Film des kleinsten gemeinsamen Nenners, des kleinsten gemeinsamen Geschmackes, es reden schließlich Leute unterschiedlichster Intelligenz, unterschiedlichster Erfahrungen, unterschiedlicher Bildungsniveaus, unterschiedlichster Meinungen mit.

So kommt ein gremienkompatibles Ensemble zusammen mit den Stars Milan Peschel als Opfer, ein exzellenter Chargenschauspieler, aber nie und nimmer Protagonist für so einen schwierigen Film, Jannis Niewöhner als rechter Drahtzieher, zweifellos ein Protagonisten-Typ, aber lange noch nicht für große Kinorollen jenseits des Soap-Genres und Luna Wedler, als robuster rundlich-weiblicher Typ breit einsetzbar, nur muss auch sie eine Opferrolle spielen und leiden und heulen und schnaufen, tief schnaufen wie ab und an Niewöhner auch, eine Grundentscheidung in jeder darstellenden Kunst, ob die Darsteller leiden sollen oder brechtisch die Zuschauer zu Empfindungen gebracht werden sollen.

Schwochow hat sich für den Antibrechtansatz entschieden, der vielleicht näher beim Journalistik-Modus der Bildzeitung liegt; das zeigen diverse Betroffenheitsszenen, direkt nach der Explosion und auch die später folgenden Spiele mit der toten Amsel, die Peschel irgendwie plausibel darstellen soll; was unrealistisch rüberkommt, direkt nach der Explosion beispielsweise; nichts gegen den Einsatz fingerzeigschwerer Symbolik; aber Bedröppelung auch mit den langen Einstellungen über das Blumen- und Kerzenmeer am Tatort, die Betroffenheit der Bevölkerung, das wirkt doch sehr, hm, reaktionär oder so.

Dabei hat die Dramaturgie sträflich vergesssen, uns die Protagonisten nahezubringen. Hier verweise ich einmal mehr, weil gerade kürzlich im Kino, auf Der Spion, wie hier die Geschichte anhand der Hauptfigur eingeführt wird. Diese Hauptfigur ist dann wie der Stab, mittels dessen der Professor die Studenten an der Wandtafel an der Nase rumführt.

Die Vorstellung der Figuren wird fernsehbillig belanglos gemacht, halt mit irgendwas, Peschel nimmt ein Paket hochkompliziert entgegen (es wird die Bombe sein), Wedler sitzt in Paris im Café und Niewöhner kommt quasi ex nihilo auf Wedler zu, die bereits Opfer ist (au, das hat sie dann auch noch mit allen Emotionen spielen müssen, diese Wut auf den Tod der Mutter, die Arme).

Jetzt haben wir also schon drei Figuren, für die wir uns im Grunde genommen gar nicht interessieren, weil sie durch nichts mit uns „connected“ worden sind. Das ist ein Storytelling, dem, wenm man es mit dem Hausbau vergleichen würde, das Fundament fehlt.

Das hat zur Folge, dass Szenen schnell lächerlich wirken. Weil sie bodenlos nur also solche behauptet dastehen, weil die Darsteller wieder Gefühle mimen müssen, Ängste, Furcht, beim Anschlag in Paris während der Veranstaltung von Frau Viola sowieso.

Fazit: dieser Film wird nie und nimmer auf die Eingangsfrage nicken können. „Ich hab ein Paket mit unbekanntem Inhalt angenommen“, könnte man auch sagen statt, ich habe einen Film gesehen.

Ebenfalls im Bedröppelimpetus: die ausgewalzte Szene, in der Peschel und Wedler in einem leeren Saal, man denkt an die Leichenhallen nach Massakern, in den Trümmern geborgene Gegenstände liegen, die sie identifizieren sollen, ach und der Geruch von Mama in der Kleidung, sehr unrealistisch, wenn Gegenstände in Trümmern liegen. Hier vermählt sich der Film mit dem klebrigen Aktenzeichen-XY-TV-Realismus.

Und wenn die rechten Randale überall losgehen, dann legt Schwuchow empathisch Frohmusik drüber.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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