The Painted Bird

Der Film von Vaclav Marhoul nach dem Roman von Jerzy Kosinksi erinnert stark an Komm und Sieh. Coming-of-Age-Odyssee eines verwaisten Jungen durch die Wirren eines Krieges, hier spezifiziert an einem jüdischen Schicksal.

Es ist Joska (Petr Kotlar) der kaum ein Wort spricht, von dem behauptet wird, er sei ein jüdischer Junge, der diesen Kreuzweg in die erwachsene Menschenwelt geht, der mit den abgründigsten Abgründen menschlichen/unmenschlichen Verhaltens konfrontiert wird. Der aber immer auch wieder gute Menschen trifft, die ihm helfen. Über den ganze Film spricht er kaum ein Wort. Er wird Symbol des stummen Zeugen einer Menschheit, die Zivilisation noch lernen muss, falls überhaupt. Auf dem Klavier kann Joska „Pour Elise“ spielen!

Der Film ist angelegt als Stationenweg, ist ein Schwarz-Weiß-Bilderbogen in dieser edlen Art, die zuerst die Schönheit sieht der Natur, die Idylle, auch das Pittoreske an Armut. Die Kapitel sind mit den Namen von Akteuren überschrieben MARTA, OLGA, MÜLLER, LEKH und LUDMILA, HANS, PREISTER & GARBOS, LABINA, MITKA, NIKODEMUS UND JOSKA. Bis die Menschen sich zeigen, wie sie sind, wenn sie sich wie Gott fühlen, wie Herren der Natur, stärker als die anderen, sich überlegen fühlen und glauben, mit dem anderen Menschen tun und lassen zu können, was immer sie wollen von Mord, Vergewaltigung, Plünderung, Folter.

An einer Stelle ist der Protagonist stummer Zeuge und Beiwohner eines Heckenschützen, der ihn lehrt, dass es so gehe, Auge um Auge und Zahn um Zahn. Hier soll er lernen was ein Kommunist ist und wird in eine Uniform gesteckt. Hier hat er sein sexuelles Erwachen bereits hinter sich gebracht, hier ist er bereits selber brutal geworden, erschlägt von hinterrücks einen alten Mann, raubt dessen Kleider, alles Dinge, die er selber auf seinem Weg schon beobachtet und gelernt hat.

Der Titel bezieht sich auf einen freundlichen Mann, einen Vogelhändler. Der färbt einige Federn eines seiner Vögel und lässt ihn zu einem Vogelschwarm fliegen, der ihn wegen der Farbmarkierung massakriert. Von solchem Vogelmarkieren war im Zusammenhang mit der Auswilderung des Bartgeiers in den bayerischen Alpen zu lesen. Auch diese Vögel werden in die Wildnis entlassen. Allerdings sind sie Aasfresser, vor allem Knochenfresser.

Filme, die sich an Armut, Schwarz-Weiß-Idylle, Grausamkeit und gepeinigter Jugend delektieren und das als hohe Kunst pflegen. Uneingeholtes Vorbild: KOMM UND SIEH. Die gebannt sind von den Grausamkeiten, zu denen der Mensch fähig ist – im krassen Gegensatz zu der unglaublich schönen Natur, die in Schwarz-Weiß noch bestechender wirkt, ob Sonne, Regen oder Sturm, ob Tag oder Nacht. Der Mensch, geworfen auf eine Erde, auf der es leider auch noch andere Menschen gibt. Aber es gibt auch immer wieder gute Menschen, das gehört zum Genre.

Die Menschheit hier ist krude, sieht oft aus wie ein Opernchor, ist in Lumpen und Dreck; lebt armselig in Hütten; erinnert an das Urchristentum, das sich in den Katakomben von Rom versteckt hielt; ist ein Gegenbild zur zivilisatorisch-städtischen Gesellschaft; ist abergläubisch, verfolgt Außenseiter und Andersdenkende; inosfern ist sie auch wieder nicht allzu weit von der modernen städtischen Gesellschaft, von der hochzivilisiserten IT-Gesellschaft entfernt, in der Rassimsus, Antisemitismus, Homophobie Furore machen in Form von denunziatorischen Shitstorms.

Verständlich, dass ein Fim, der sich so auf die menschlich-archaische Ebene begibt, als nicht jugendfrei gekennzeichnet ist.

So ein Film geht von genereller Traumatisierung der Menschen aus; die diese weitergibt, Erbtraumatisierung gewissermaßen.

Vielleicht könnte man auch von einer Art Wandgemälde-Kino sprechen.

Wobei die Gruppeninszenierungen, Gruppenvergewaltigungen, Gruppen-Lynch-Geschichten oft etwas Operchorhaftes haben, also auf die Kunststufe erhoben werden; was sie erträglich macht; der Symbolgehalt für die dunklen menschlichen Eigenschaften. Und im Hintergrund tobt der Krieg.

Nicht als Anklagefilm zu verstehen, viel mehr als ein Film, der fassungslos darüber ist, wozu die Menschen fähige sind: zu allem. Und das ihm Rahmen eines schauderhaften, odyssehaften, irrsinnigen Coming-of -Age beinah durch eine Enzyklopädie der Grausamkeiten und Scheusslichkeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.