Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie einmal war

Die DNA Palermos 

Die Palermitaner reden nicht. Sie verbinden diese ihre Eigenschaft mit der Sage von Odysseus, der sich dem Zyklopen gegenüber mit dem Namen „Niemand“ ausgegeben hat. Wie der Zyklop gefragt wird, wer ihm das Auge ausgestochen habe, antwortet er: niemand.

Das ist die DNA der Menschen von Palermo. So erläutert es einer der Protagonisten dieser Dokumentation von Franco Maresco, der selbst aus Palermo stammt. Es ist der Impresario Ciccio Mira. Ihn zeigt der Film immer in Schwarz-Weiß. Er kennt persönlich den Staatspräsidenten. Der ist auch aus Palermo. Und merkwürdigerweise enthält er sich einer Stellungnahme anlässlich des 25. Todestages der Mafijäger Giovanni Falcone und Paolo Borselino.

Falcone und Borselino wurden 1992 von der Mafia ermordet. 25 Jahre später macht sich Franco Maresco nach dem Drehbuch von Uliano Greca, Francesco Guttuos und Giuliano Ka France mit der anderen Protagonisten, der Fotografin Letizia Battaglia auf Spurensuche, was noch lebendig ist von den beiden Antimafiahelden, wie die Erinnerung an sie ist, wie präsent und wie der Todestag begangen wird.

Letizia Battaglia ist eine bekannte Fotografin und war damals ganz wichtig in der Dokumentation der Verbrechen der Mafia, auch sie stammt aus Palermo. Sie ist auch heute noch fassungslos über manches, was sich in Palermo tut, speziell, wie sanft dieser Gedenktag abläuft. Es gibt zwar Demos von jungen Menschen, die damals wohl kaum dabei gewesen sein können, aber das geht partyhaft ab.

In einem Problemviertel von Palermo, dem ZEN, der Zona Espansione Norte, also dem Neubaugebiet Nord mit lauter lieblosen Wohnblocks, kein Vorzeigeviertel, hier soll der schwarze Ciccio Mira Bands, Musiker, Sänger auftreten lassen unter dem Motto „Nein zur Mafia“!.

Der Vertreter der Stadt ist Matteo Mannino. Der ist die merkwürdigste Figur. Der Filmemacher wundert sich unentwegt, wie Mira dazu kommt, ein Antimafiaevent zu organisieren. Aber das ist eben von der Stadt aus. Was alles darum herum passiert, das ist kaum zu glauben, das macht fassungslos, wie manche Leute nicht mal den Satz „Nein zur Mafia“ aussprechen können. Wie Leute feindselig reagieren, wenn sie vor der Kamera gefragt werden, wie es denn so sei mit der Mafia, was es mit Falcone und Borselino auf sich habe.

Es scheint, als inszeniere die Mafia mit. Man reibt sich verwundert die Augen ob all der Widersprüche und all der Äusserungen, ist das jetzt Realität oder eine Groteske, Wahrheit oder Spiel? Ist das Palermo? Ist die Mafia immer noch ein unsichtbarer Geist, den man besser nicht erwähnt?

Das ZEN-Event 2017 soll dann plötzlich abgebrochen werden, nachdem zu beobachten war, wie ein nicht identifizierbarer Mann dem Mattini etwas zugeflüstert hat. Er selber konnte sich nicht überwinden, die Namen der beiden Helden und noch weniger den Antimafiasatz öffentlich zu sagen. Noch überraschender ist die Info, dass er Analphabet sei, weder lesen noch schreiben könne. Das ergibt eine Szene mit versteckter Kamera, wie er mit Mira versucht die Rede ans Publikum zu üben. Letzteres ist in erstaunlich geringer Zahl vorhanden.

Im Jahr drauf ist nur noch ein einziger Junge vor der Bühne zu sehen. Doku- oder Mokumentary? Die DNA der Palermitaner ist unerforschlich wie die Macht im Hintergrund.

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