Der Hochzeitsschneider von Athen

Nah- und Nähaufnahmen

Sowie der Schneider über seine Stoffe und Schnittmuster gebeugt ist, so beugt sich Sonia Liza Kenterman, die mit Tracy Sunderland auch das Drehbuch geschrieben hat, über den Enwurf ihres Bildes, das sie sich von einem in die Jahre gekommenen, vornehmen Herrenschneider in Athen macht, der als Symbol einer prädigitalen Epoche auftritt.

Es sind die dokumentarischen Details aus der Schneiderwerkstätte, Tretpedal der Nähmaschine, Räder, die sie zum Laufen bringen, Nadel, Säume, Nähte, Maßbänder und eine Vielfalt weiterer Instrumente bis hin zu den Maßbogen längst verstorbener Kunden. An denen hängt der Papa (Thanasis Papageorgiou).

Es sind die Bilder eines Abgesanges, eines nahen Ruins, eines Nichtgefragtseins in unserer Zeit. Es hat auch niemand Geld für teure maßgeschneiderte Anzüge aus feinen und ebenso teuren Stoffen. Der Laden läuft nicht. Das wird deutlich an Nahaufnahmen des Sohnes Nikos (Dimitris Imellos), der eine gewisse Ähnlichkeit mit Mr. Bean aufweist und genauso ausdruckslos in seinem Laden vergeblich auf Kunden wartet, an seinen Manschetten zupft.

Die Art der Präsentation hat etwas von Roy Andersson. Es gesellen sich weitere Figuren in die Nähe dieses Athener Mikrokosmos aus einer anderen Zeit: die Nachbarin Olga (Tamilla Koulieva), die eine Etage höher mit dem Taxifahrer Kostas (Stathis Stamoulakatos) die süße Victoria (Dahne Michopoulou) hat, ein wonniges Mädchen, das Nikos über eine kleine Seilbahn Botschaften in Papierschiffchen sendet.

Als Geschichte kristallisiert sich zwischen den Details heraus, dass der Vater ins Krankenhaus muss – hier gibt es einen zarten Hinweis auf die für uns unfassbaren Zustände in griechischen Krankenhäusern, sogar die Bettwäsche müssen die Patienten selbst mitbringen.

Derweil emanzipiert sich der brave Sohn Nikos von seinem Vater, dem er bisher als treuer Diener zur Seite stand. Er baut sich einen fahrbaren Verkaufsstand und fängt an, auf die Märkte zu ziehen. Dort merkt er, dass Frauenkleidung gefragt ist. So fängt er innovativ an, solche herzustellen; eine Revolution in Vaters Geschäft.

Dabei hilft ihm die Nachbarin Olga und da zeichnet sich ein Verhältnis ab, was die gute Nachbarschaft zu deren Mann gefährden könnte. Aber es ist kein Drama und kein Thriller noch eine Beziehungskomödie, was die Regisseruin beabsichtigt; ihr sind die Details wichtig, die Nahaufnahmen, bei denen sie freudig verweilen kann. Es ist keine stringent gebürstete Story; es gibt Sprünge, auch Löcher in der Logik (wie Nikos sich plötzlich eine Suzuki leisten kann, wo er doch keine Einnahmen hat und die Zwangsversteigerung droht). Dann vergisst der Film durchaus für Momente seine Detailversessenheit und gerät in die Fahrban einer etwas süßlichen Rührstory, wie einem Baklava.

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