Lügen haben kurze Beine – Fourmi

Ameise

nennen seine Freunde ihn, Théo (der ausstrahlungsstarke Maleaume Paquin), weil er so kurze Beine hat, aber es wird sich zeigen, dass noch andere Eigenschaften der Ameise eine Rolle spielen werden. Ameise heißt der französische Originaltitel dieses Filmes von Julien Rappeneau nach dem Comic von Artur Laperla und Mario Torrecillas. 

Der Junge ist ein Fußballtalent und das mit den kurzen Beinen wird eine mehrfache Bedeutung erhalten, so wie im deutschen Titel angegeben, aber mit den Lügen hat es eine Bewandtnis, die wiederum mit den kurzen Beinen von Théo zu tun hat, so dass er eine einzige Lüge in die Welt setzt, welche nicht nur ständig befestigt und bestätigt werden muss, sondern die auch zeigt, welche Kraft der Illusion innewohnt. 

Kinderfilm ist ein zu einschränkendes Prädikat; es meint lediglich, dass die Hauptfiguren in dem Film Kinder sind, dass die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt wird. 

Rappeneau nimmt die Kinder ernst. Er legt ein präzises Soziodram um ein Scheidungskind vor, das sich als Mediator zwischen den Eltern sieht, das viel mehr Verantwortung zu übernehmen sich verpflichtet fühlt, als ein Kind zu schultern imstande ist. 

Dabei passiert die kleine Lüge, um dem Vater Laurent (Francois Damiensa) einen Gefallen zu tun. Vater ist Alkoholiker, eine abgestürzte Figur ohne Job und ohne Sorgerecht. Mutter Chloé (Ludivine Sagnier) ist mit einem anderen abgehauen. Ein Talent-Scout von Arsenal beobachtet ein Training. Es gibt eine Besprechung. Vater steht am Spielfeldrand, bekommt nicht recht mit, was besprochen wird. Théo bekommt eine Visitenkarte überreicht. 

Wie Théo zum Vater zurückkommt, fragt dieser, ob Arsenal ihn nehme. Es braucht nur Bruchteile einer Sekunde bis zur Lüge, die hier ein einfaches „Ja“ ist. Die Wirkung auf den Vater ist enorm. Die Lüge selbst entwickelt ungeahnte Dynamik. 

Théo muss seinen durchgeknallten Internetnerd und Schulfreund einspannen, um die Lüge aufrecht zu erhalten. Das ist nur eine der wunderbaren Qualitäten dieses Filmes, dass er seine Figuren liebt, dass er ein Faible für Schräges hat; auch der neue Trainer-Assistent ist skurril, der ist eigentlich Konditor und bringt den jungen Fußballern zur Belohnung Himbeerkuchen mit. 

Eine andere Stärke ist der Ernst der Inszenierung, die das Hauptmerk auf das gravierende Problem eines Scheidungskindes legt, das mit den Problemen eines Sorgerechtsstreites befasst ist. Eine Inszenierung, die nie eine Konzession an ein vermeintlich kindliches Publikum macht, nie nach der Gunst der Zuschauer giert. Diesem aber nach dem spannenden Fachvortrag einen dramaturgischen Beerenkuchen serviert mit einem Happy-End, was mehr mit Filmkunst als mit dem Leben zu tun haben dürfte. 

Das zeigt der Film auch: zur Wirksamkeit der Lüge gehört die Leichtgläubigkeit derer, denen sie aufgetischt wird. Es wäre zu schön, wenn von dem Verein einer es bis Arsenal schaffte (oder, es wäre zu schön, wenn es in Deutschland einen Global Player wie Wire Card gäbe, oder es wäre zu schön, wenn Deutschland Afghanistan demokratisieren könnte). Wenn aber Lügen Gutes tun? 

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