Gunda

Gundas Monolog 

ist der dramatische Höhepunkt dieses Dokumentarfilmes von Victor Kossakovskiy (Aquarela), der mit Ainara Vera auch das Drehbuch geschrieben hat. Der Monolog des Schweines Gunda ist gegrunst, aber wir verstehen ihn nur zu gut, nachdem wir diese Stück Zeit mit ihr und ihren Ferkeln verbracht haben. 

Es ist ein Kino für eine Auszeit vom Alltag, ein Kino, die eigenen Geschichten hinter sich zu lassen, ein Kino zum Loslassen, durchaus auch zum Zurücklehnen mit der Bereitschaft, einfach mal sich auf andere Dinge einzulassen, auf das Leben eines Schweines, das in seinem Koben gerade über ein Dutzend Ferkel geworfen hat. Der Filmmensch muss gleich wieder ans deutsche Kino denken, wenn er die Ferkel quietschend sich um die Zitzen der Mutter balgen sieht: so stellt er sich die deutschen Filmemacher vor im erbitterten Kampf um die Zitzen der Subvention.

Victor Kossakovskiy hat sich für Schwarz-Weiß-Film entschieden, den er meisterhaft einsetzt. Er selbst versteckt sich nicht als Filmemacher. Die Tiere schauen manchmal auf die Kamera, nehmen sie wahr, wenn drei oder vier Ferkel dicht aneinandergedrängt vorm Koben liegen und die Kamera ganz klar vor sich haben. Der Filmemacher bewegt sich auch in respektvoller Nähe der Tiere geht um sie herum, bewegt die Kamera auch im kleinen Koben. Es ist also nicht die Tierfilmerei, die mit versteckter Kamera arbeitet und uns Wunder was vormacht. Aber die Kamera tritt nicht in direkten Dialog mit den Tieren; sie ist einfach dabei.

Es ist ein Kino für Müssiggänger, für Menschen, die gerne Vorgängen zuschauen, hier die Kommunikation der Ferkel untereinander und mit der Mutter mit Tönen, Riechen, Schubsen und das Gerangel der Ferkel untereinander, sie tauschen sich aus mit den verschiedensten Mitteln. Der Zuschauer kann versuchen zu studieren, was diese Gemeinschaft des Heranwachsens bedeutet, kann sich wundern, warum immer alle dasselbe machen, entweder hängen sie an den Zitzen oder sie lernen mit der Mutter, die Erde zu durchpflügen, auch hierbei werden sie von ihr immer wieder geschubst oder auch mit der Schnauze an der Schnauze berührt.

Es ist ein Dokumentarkino für den mündigen Menschen, für den entdeckungsfreudigen Menschen, der einen Film ertragen kann, auch wenn er ganz ohne Talking Heads, ohne anpeitschenden Sound nur mit Originalton und ohne diese kurzatmigen Schnitte auskommt, ein Film, der sich Zeit lässt und dadurch erst dies Wunder und diese Einblicke in ein ganz gewöhnliches Schweineleben auf der Leinwand ermöglicht. Alles, was Dokumentation großartig macht.

Kossakovskiy hat in Norwegen, Spanien und in England gefilmt. Als Nebengeschichten werden sparsam eine Kuhherde und eine Gruppe von Hühnern dazwischen geschnitten, von welch letzteren eines nur ein Bein hat. Mehr Thrillerspannung kann kein Film erzeugen, als der Ausmarsch der Hühner aus dem Käfig in die freie Natur hinaus, wie sie ganz langsam erst mit dem Kopf voran, auch der bleibt immer wieder fixiert, der Kopf bewegt sich, bleibt immer wieder regungslos, dann erst ein Bein, es bleibt vorsichtig in der Luft bis es wieder abgestellt wird, dann das nächste in höchster Behutsamkeit, Vorsicht und Wachsamkeit. Dann bewegen sich die teils zerzausten Tiere frei in einem Wald mit niederem Bewuchs.

Auch die Kuhherde übt in ihrem Gruppenverhalten Faszination aus, wie sie aus dem Stall im Pulk wild und ausgelassen zum hintersten Ende der Weide rennen; wie sie sich gegen Fliegen gegenseitig schützen; zwei Tiere stehen jeweils dicht an dicht, Kopfteil gegen Hinterteil und jede hält mit dem schwingenden Schwanz der anderen die lästigen Insekten vom Kopf. Dazu wird wie im Takt immer ein Bein gehoben und energisch wieder abgesetzt; das sieht aus wie ein Paartanz im Stehen.

Und man fragt sich, ob eine Schweinemutter überhaupt den Überblick über ihren Nachwuchs hat; ob sie die einzelnen Ferkel unterscheiden kann, ob sie bemerkt, wenn eines fehlt. Jedenfalls, das kleine Außenseiterlein hat sie entdeckt und sich vorgenommen.

Und manchmal hört man den Kuckuck.

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