Wem gehört mein Dorf?

Eine frappierende Nahaufnahme des Verhältnisses vom Kapital zur Demokratie

ist diese Langzeitdoku von Markus Eder über seinen Heimatort Göhren mit dem Werbespruch „Wenn Rügen dann Göhren“. Weil der Ort so übersichtlich ist, jetzt noch etwas über 1000 Einwohner, wenn ich das richtig verstanden habe, während zur Zeit der Wende es noch über 3000 waren. Aus diesen Zeiten gibt es Super-8-Aufnahmen aus der Jugendzeit des Regisseurs.

Mit der Wende hielt der Kapitalismus in das verschlafene Örtchen Einzug und da in Göhren ein Kapitalist besonders aktiv wurde, kann diese merkwürdige Symbiose wie unter einem Mikroskop exzellent studiert werden und genau das tut dieser Film: 1 Ort, 1 Gemeinderat, 1 Investor mit 4 Laufburschen, die die Hälfte des Gemeinderates ausmachen.

Anfangs sieht es noch aus, als käme der Film als Agit-Prop-Streifen gegen Herrn Horst, den Großinvestor daher. Aber es wird subtiler, nuancierter und zeigt einzigartig, wie die Verflechtungen von Politik und Kapital laufen und wie sie, wenn die Demokratie schläft, auch schnell aus dem Ruder laufen können, wie sie einen zauberhaften Ort in eine seelenloste Touristenwüste verwandeln können.

Noch ist der Ort zauberhaft, das zeigen die Landschafts- und Meerbilder als exzellentes Werbefootage für Göhren, aber bald schon wird da noch ein Hotel gebaut, dort vorgeblich eine Klinik und noch 50 Ferienhäuser; so dass Orts- und Landschaftsbild immer austauschbarer werden mit jeder anderen Touristenhochburg, ein Ort mit überwiegend und die meiste Zeit leerstehenden Ferienwohnungen und ohne bezahlbaren Wohnraum für die Bürger. Ganz unschuldig sind die Bürger an dieser Entwicklung nicht, das wird auch erwähnt, teils haben sie selber ihren Grund und Boden verkauft.

Der Regisseur erzählt, dass ihn, wie er wieder anfing, an diesen Ort seiner Kindeheit zurückzukehren, ein mulmiges Gefühl beschlichen habe, dass etwas schief läuft. Das dröselt er mit minutiöser Beobachtung und Zugang zu allen Playern auf.

Er stößt auf die „Vier von der Stange“, man könnte sagen „Strohmänner“, des Investors. Über 20 Jahre lang, bildeten sie die Hälfte des Gemeinderates, haben die Gemeinde vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zum Erblühen gebracht. Selbst profitierten sie wohl alle vom Boom, dürften zu Freunden von Horst geworden sein und segneten im Gemeinderat dessen Projekte ab.

Das ging so lange gut, bis einige Leute in der Gemeinde aufwachten. Besonders ein Parkhaus, was die Gemeinde zu absurd nachteiligen Konditionen auf 80 Jahre an den Investor verpachtet hat, schreckte manche auf. Vorher war aber auch zu erfahren, wie dieser Gemeinderat viele Dinge wie Geheimprojekte behandelte, die erst dann publik wurden, wenn es zu spät war.

Der Film ist also ein ansprechender Werbefilm für die Ostseeperle Göhren, gleichzeitig aber auch einer der wichtigen Filme, die uns vor Augen führen, was für die Demokratie am unerlässlichsten ist: Bürger, die das Maul aufmachen, Bürger, die die Augen aufmachen, Bürger, die aktiv werden und sich nicht alles bieten lassen, Bürger, die ihren Verstand einsetzen. Aktiv waren vorher vor die „Vier von der Stange“.

Einen kleinen Wahlauszählungskrimi beschert uns der Film auch noch.

Ein Demokratieermunterungsfilm wie Landretter.

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