Sehnsucht nach einer unbekannten Heimat

Drohnen über Kronstadt

Die Drohnenflüge in diesem Film von und mit Holger Gutt sind nicht nur ein technisches Qualitätsmerkmal, sie symbolisieren auch nicht schlecht den unbefangen leichten Zugang von Holger Gutt und seinen Mitautoren Tobias Schmidt, Michaela Smykalla, Tobias Drexel und Anita Hauch zum generell eher schweren Thema Heimat. So wird der Suchende nicht gleich in Haft genommen von der Traditions- und allenfalls Schollenverbundenheit seines Objektes, das doch elementar mit Identität zu tun hat. 

Die Drohnenflüge setzen einen luftigen Kontrapunkt zum von der Schwerkraft auf die Straßen Münchens gedrückten Trachtenumzug des Oktoberfestes. Das ist der Ort, an welchem der Normalbürger am ehesten mit dem Thema der Siebenbügener Sachsen konfrontiert wird. Trachtentümelei, denkt er vielleicht, ewiggestrig, stehengeblieben in der Vergangenheit, Vereinsmeier, Heimattümelei – aber immerhin schön zum Schauen; damit ist das Thema Siebenbürgern kurz, bündig und vorurteilshaft abgehakt. 

Es sind Rückwanderer aus Hunderten von Jahren im Exil, die in Siebenbürgen jede Menge Herrschaften über sich haben ergehen lassen und die in den letzten Jarhzehnten, schon vor dem Mauerfall, aber erst recht nach diesem, die Rückwanderung angetreten haben. 

Man erkennt sie allenfalls an dem für unsere Ohren altmodisch klingenden Dialekt. Aber das wars auch schon. Mehr hat in unseren Hirnen nicht Platz; mehr geht nicht in der öffentlichen Wahrnehmung. 

Holger Gutt eröffnet uns nun einen erweiterten Einblick. Er selbst ist in Deutschland geboren, in Markt Schwaben sozialisiert; als Urbayer fühlt er sich nicht; als Siebenbürgener vielleicht noch weniger. Aber etwas ist unerledigt in ihm in punkto Identität. 

Gutts Eltern sind vor über 30 Jahren zurückgewandert. Vom alten Haus in Weidenbach im Burzenland wollen sie nichts mehr wissen; Mittelmeerinseln sind attraktiver. Der Sohn macht sich auf Spurensuche nach seiner Herkunft, nach der Herkunft seiner Eltern; nicht das schlechteste Motiv für einen Debütfilm. 

Gutt begibt sich im Auto mit seinem Vater und einem nicht in Erscheinung tretenden Kamerateam auf den Weg nach Weidenbach. Ein Road-Movie über Ungarn, Hermannstadt, die verwegenen Passstraßen nach Kronstadt und nach Weidenbach im Burzenland. 

In der Exposition lässt der Film vorerst allenfalls eine saubere TV-Doku zum Thema Heimat erwarten. Je mehr sich das Vater-Sohn Verhältnis durch die Fahrt entwickelt, je mehr der Vater die Kamera vergisst, desto höher schlägt der Kinopuls. 

Im Publikum breiten sich Lacher aus, wenn der Vater ständig ins Stolpern gerät bei der Erklärung der Famliengeschichte, dass seine Mama ja die Oma vom Sohn ist etc.; Stolperschwellen genug. Die Szene wirkt noch köstlicher, da die GoPro auf dem Board vor der Frontscheibe wie ein kleiner Lüfter ständig nach rechts und dann wieder langsam nach links schwenkt. 

Die alte Heimat, ihre Geschichten, ihre Menschen schlagen beim Papa nach Jahrzehnten der Verdrängung wie ein Blitz ein. 

Ein weiterer Hingucker ist der Sohn, also der Protagonist und Filmemacher; er erinnert in seiner jungenhaften Unbekümmertheit, nie ganz ohne schelmisches Lächeln, an den jungen Gottschalk und dessen Entertainerqualitäten, ein starkes Plus für einen Film. Vielleicht macht sich hier die jahrhundertelange rumänische Prägung in den Genen bemerkbar; verbissen deutsch wirkt Holger nicht. 

Nach der Besichtigung des Vaterhauses seines Vaters scheint vom Protagonisten und damit gleichzeitg vom Film jede Last abzufallen, ungezügelt kann er sich an den sensationellen Kinolandschaften Rumäniens laben. 

Ein weiteres hervorragendes Merkmal des Filmes sind die von Andreas Begert eigens geschriebenen und performten Songs: sie gehen auf das Thema des Filmes ein, prononcierter als der Film selbst; Sehnsucht und Heimat sind Themen, die häufig unter den Nägeln brennen und man muss nicht immer Reinhard Mey hören. Die Songs könnten unabhängig vom Film ihr Auditorium finden. 

Die Premiere des Filmes fand im Arri in München statt. Dass das Astor dort zur Zeit einer der aufregendsten Kinosäle ist, zeigte eine gewaltige Light- und Soundshow vor dem Film; da tanzen selbst die Seitenwände mit!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.