Minari – wo wir Wurzeln schlagen

Der amerikanische Traum

wird in diesem Einwandererfilm aus der Reagan-Zeit von Lee Isaac Chung in Richtung Farce getrieben. 

Jacob (Steven Yeun) und Monica (Yeri Han) sind Einwanderer aus Korea und sehen für sich und ihre Kinder, den herzkranken Buben David (Wonnepfropfen Alan Kim) und Töchterchen Anne (Noel Kate Cho), keine Zukunftschancen in Kalifornien. 

Genauer gesagt: Jacob, der sein eigener Träumer und nicht unbedingt Realist ist, sieht diese Zukunft nicht. Denn das Ehepaar ist nach Amerika ausgewandert, um sich zu retten, wie sie an einer Stelle erinnern; stattdessen haben sie sich immer nur gestritten. 

Die Atmospäre am Anfang des Filmes ist frostig. Monica fährt mit dem PKW und den Kindern hinter dem Umzugswagen von Jacob her mitten in die hinterwäldlerische (wie sie es später nennen) Provinz von Arkansas. 

An einem Nicht-Ort hält der kleine Konvoi. Eine Wiese und einer dieser riesigen amerikanischen Wohntrailer, fest aufgestellt. Jacob schwärmt vom Garten, 20 Hektar, ha ha – und führt auch hier noch seine Frau und Kinder hinters Licht, denn tatsächlich will er das Bauern anfangen, wohl nicht allzu gut überlegt. 

Und genauso ist Fakt, dass die beiden Eheleute in einem Hühnerbrutbetrieb arbeiten und Küken sexen, das heißt, sie müssen sie nach dem Geschlecht untersuchen und die männlichen aussortieren, die dann verbrannt werden; somit ist auch die Frage von David nach dem Rauch aus dem Brutbetrieb beantwortet. 

Lee Isaac Chung zeichnet plausibel und glaubwürdig diese Ehe, die im Stresstest ist, weil der Mann sich durchsetzt, egoistisch, und die Frau sich fügt. Hinzu kommt der Herzfehler von David, weshalb der 7-jährige besonders geschont werden muss, auf gar keinen Fall rennen soll. 

Hinterwäldlertum an der Farcegrenze auch von manchen Bewohnern der Gegend, ein Rutengänger, der Jacob bei der Wassersuche helfen soll und dafür Geld nehmen will, was Jacob koreanisch-pragmatisch ablehnt oder Paul (Will Patton), ein Mann im religiösen Wahn, der immer wieder betet, Exorzismen für nötig hält und sonntags statt zur Predigt zu gehen, einen Kreuzweg mit Holzkreuz auf den Schultern zurücklegt. Er wird zum freundlichen Mitarbeiter auf dem Landstück.

Die Familie sucht Gemeindeanschluss in der Kirche; die Reaktion ist freundlich und nicht klischeehaft fremdenfeindlich; in diesem Zusammenhang ist zu erfahren, dass es keine koreanische Gemeinde ist, denn die Koreaner, die hergekommen sind, seien eher vor ihrer Kirche geflüchet. 

Schrill wird es mit der Ankunft der Oma aus Korea (Yuh-Jung Youn). Der Film ist „allen unseren Omas“ gewidmet; das lässt den Schluss zu, dass David der Autor und Regisseur geworden sein dürfte und somit auch einen Hinweis auf die Perspektive auf die Dinge gibt. Denn David entwickelt nach anfänglicher Distanz zu seiner unkonventionellen Oma ein herzhaft, herzfreundliches Verhältnis. 

David meint gleich, sie sei keine richtige Oma, da sie nicht Plätzchen backen könne. Nein, sie kann vielleicht Karten spielen, Kirchenkollekte klauen, sie hat Samen der Gewürzpflanze Minari mitgebracht und wird diese wild an einem Bach anpflanzen. Sie lacht über den gebrochenen Penis von David, trägt selbst Männerunterwäsche und flucht. Sie wird einen Schlaganfall haben und ab da sollte man sie nicht mehr allein auf der Farm lassen. 

Der Film erzählt die Geschichte der Familie Yi in leicht inszenierten Episoden, so dass immer offen bleibt, wie es weiter geht und auch nicht abzusehen ist, ob der Film gut ausgeht, ob er schlecht ausgeht, ob der amerikanische Traum nur eine Schimäre bleibt oder belastbar wird. 

Es ist ein Film, der über menschliche Handlungen und deren Folgen, mithin der menschlichen Zurechnungsfähigkeit, sich wundern lässt und der skurril zu verstehen gibt, dass man Herzkrankheiten nicht unbedingt der Schulmedizin anvertrauen soll. Es ist ein Film, der nicht urteilt, sondern quasi empirisch von Einwanderern und den kulturellen Unterschieden erzählt, und der die Frage nach dem Glück immer wieder stellt, was Glück sei und wie es mit anderen zu gestalten sei. Mithin auch die Frage, ob es aus gewissen prekären Situationen noch Auswege gibt. 

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