100 % Wolf

Coming of Age im Trickverhau

Coming of Age ist eh schon eine schwierige Angelegenheit, ein Rundumumbau eines Kindes in ein Erwachsenes und noch schwieriger, wenn aus dem Jungen Freddie ein Werwolf werden soll und irgendwas dabei schief läuft, vielleicht weil die Magie mit dem Mondsteinring nicht richtig funktioniert und aus dem Buben ein Pink-Pudel wird, was andeutet, dass in diesem Fall möglicherweise von einem erschwerten Coming of Age die Rede ist, das auch ein Coming-Out sein soll. 

Was aber auch nicht ganz passt, denn wenn der Junge nach einer langen Pudelzeit wieder Junge ist und ganz nackt, voll geschlechtslos nackt vor einem Fantasietierauditorium steht, so wird er belächelt, wenn die Blicke an ihm hinuntergleiten und gleich gibt’s einen Schnitt und jemand preist heiße Würstchen an; im Bild dominiert eine fette Wurst in einem Sandwich. Auch Kinderfilme können Geschmackssache sein. 

Aber noch schwieriger scheint mir das Coming-of-Age unseres Protagonisten durch die Bilder- und Motivwelt, die Alexs Stadermann wie mit einem Zufallsgenerator zusammengestellt hat, gar mit KI als Ratgeber?

Alexs Stadermann steht bei IMDb mit über 20 Filmen beim Animationsdepartment, das geht von Susi und Strolchi, über Arielle, Tarzan & Jane, Der König der Löwen, Goofy und Max, Peter Pan; da kann einem der Kopf schon schwirren vor Bildern und Topoi, die sich in der Animationswelt bewährt haben und letztlich besteht ja, vereinfacht gesagt, ein Film auch nur daraus, dass eine bestimmte Zeitlang, zB 90 Minuten, Bilder aufeinander folgen ohne abzureißen und es sollte sich tunlichst etwas bewegen dabei, besonders bei einer „Animation“. 

Hier sind es Bilder von Werwölfen und anderen wild gebürsteten Tieren, es kommt vor das Motiv des Usurpators, des bösen Onkels Hotspur, der unrechterweise die Nachfolge für den Leitwolf übernimmt, weil er an den Mondsteinring gelangt ist, es gibt eine gigantische Maschinerie, ein fernes Echo auf Metropolis, die aus Pudeln Pelzmützen herstellt, es gibt den Welpenzwinger, der vermeintlich tote Vater ist in einem Verlies angekettet, Katzenfreundin Bessie kommt vor als Begleiterin für den Protagonisten, eine ganze Animal Farm bevölkert eine nicht näher identitfizierbare Ortschaft, es gibt die gute, so dick wie bebrillte Mamafigur, die einen rettenden Einsatz leistet und es gibt die typisch böse Fee, hier eine Industrielle, mit der ganz bösen Stimme, wobei ganz allgemein die deutsche Synchronisation zu wünschen übrig lässt, aber vielleicht auch schwierig ist bei so einer Mixed-Pickles-Akkumulation von Storyelementen. 

Andererseits dürften sich die Kinder (welches Alter?) ihre eigene Geschichte aus dem riesigen Bilderangebot zusammendividieren und sollte das nicht der Fall sein, so fliegen immer genügend Figuren durch die Luft, wie sie es schon seit den ersten Filmen von Walt Disney liebend gern im Zeichentrickfilm getan haben. 

Es stimmt ja auch: Coming-of-Age findet heute in einer hochkomplexen, verwilderten und wenig harmonischen Welt statt. 

Moral: ein Satz erinnert daran, dass der große Wolf sich durch ein großes Herz und nicht durch Gebrüll und Aufgemantele auszeichnet. 

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