Stop Zemlia (Berlinale Summer Special)

Blinde Kuh Spiel

Coming-of-Age in der Ukraine. 

Das hört sich deutlich prosaischer an als es der Film von Kateryna Gornostai ist; denn es handelt sich nicht um reinen Ukraine-Realismus mit der furchtbaren politisch-kriegerischen Situation; diese findet nicht mal Erwähnung. 

Realismus gerade mal in der Vorstadt-Plattenbau-Location. Hier fiebert eine Schulklasse etwa 17-Jähriger der Abschlussprüfung entgegen. In den Unterrichtsstunden geht es um Glukose und den Hormonhaushalt, Stress, Thermoregulation, im Sport um eine Art Federball. Dabei kann der Film sich urplötzlich vom Realismus verabschieden und in Träumereien seiner Protagonistinnen und Protagonisten abdriften, in den verlangsamten Flug eines Federballes. 

Der Film ist mit Symobliken des Flüggewerdens gut bestückt, der damit verbundenen Unsicherheit, ja geradezu Tapsigkeit desjenigen, der blind bis zehn zählt und dann ruft „Stop Zemlia“ und blind die Leute aus der Clique sucht und berühren muss. 

Ein Federball ist etwas anderes als ein gegründeter Hausstand. Es ist die Phase im Leben, die nicht minder aufregend ist, als der Musik-Score das andeutet, es ist die Phase der Loslösung von zuhause, Zeit von Blutsbrüderschaft, Rauchen, Alk, Parties, einem Stelzenengelchen und Herzchen für die Partnerlotterie, auch die Phase, in der die Eltern loslassen müssen, die Phase, wo man bei Freunden schläft und nicht nach Hause kommt und dabei die Eltern in Panik versetzt, die offenbar diesen Übergangszustand längst vergessen haben und sich schwer damit tun, dass ihre hübschen Kinder wild mit den Flügeln schlagen und den Abflug proben. 

Realismus durch eine prima Auswahl glaubwürdiger Darsteller sowohl der Teens als auch der Eltern- und Lehrergeneration. Realismus auch, als die zentralen Geschichten in den ganzen Wirbel des Coming-of-Age einer Clique, einer Schulklasse wie selbstverständlich eingebettet sind und auch die Nebenfiguren in Momenten eigene Kontur gewinnen. Dadurch erhalten die Hauptgeschichten eine faszinierend beiläufige Selbstverständlichkeit und nicht dieses fette, thematische Aufs-Auge-Drücken, wie das deutsche Kino es liebt. 

Das Quartett um Masha (Maria Fedorchenko), Yana (Yana Isaeienko), Senia (Arsenii Markov) und Sasha (Oleksandr Ivanov) wird von Kateryna Gornostai besonders genau betrachtet. 

Einerseits bilden Masha, Yana und Senia eine Art Trio Infernale. Sie schlafen in einem Bett dicht aneinandergekuschelt ganz ohne Sex. Noch ist unklar, ob daraus eine Zweierpaarung wird – und wenn ja, welche. Die Eltern von Masha sind verständnisvoll, halten es für keinen Beinbruch, sollte sie schulisch nicht reüssieren. Sasha ist der best aussehende von den Jungs, der männlich markant entschlossenen Gesichtes; er lebt mit einer Mutter zusammen, die alles für ihn tun und organisieren will. 

Sasha muss herhalten für das Symbol der Blindheit seiner Altersklasse; das wird konkret am Problem seiner Sehkraft und einmal sagt Senia ihm auch, er sei blind. Wobei das sicher nicht nur exklusiv für ihn gilt. 

Der Realismus wird relativert durch Interviews der Darsteller vor einer hellbeigen Leinwand. Dabei wird noch eine andere Eigenart der Stilisierung, vielleicht fast Idealisierung, im Film sichtbar: die Teens sind generell besonders hell mit jugendlichem Teint geschminkt und werden auch so in eine gewisse Künstlichkeit versetzt wie auch durch die Interviews, wofür sie noch hübscher gestylt werden und bei denen sie aus ihrem Seelen- und Gefühlsleben erzählen, von ihren Unsicherheiten, ihrem Selbstfindungsprozess, von ihren Wünschen, Sehnsüchten, Träumen, Ängsten, Depressionen, von Idee und Wunsch nach einer erwachsenen Beziehung. 

Durch diese Mischung aus Realistischem und Stilisiertem gewinnt der Film, der ebenso durch die exzellente Regie besticht, eine prima Dichte. Und der immer mit einem Schutzhelm (eine Wollmütze) bedeckte, langhaarig-schlacksige Senia ist offenbar nicht ukrainischer Muttersprache, bei ihm klingt ein politisch unheilvoller Background an. 

Do you think the snow in the sea is salty?“

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