Nebenan (Berlinale Summer Special)

Freie Bühne Brühl

Das ist es, was das Aroma, den Geschmack dieses Filmes ausmacht, dass er den Charme einer Theateraufführung an einer freien Bühne verbreitet, durchaus sympathiegewinnend. 

Diese Bühne hat auch Glück. Sie wird betrieben von einem Weltstar, der gleich die Hauptrolle selber spielt, Daniel Brühl als Daniel, der sich als gewichtigen und eindrücklichen Antagonisten Peter Kurth also Bruno ins Boot, besser in die Kneipe „Zur Brust“ geholt hat.

Und Brühl hat Glück, dass er den bekannten Erfolgsautor und Schnellschreiber Daniel Kehlmann ins Team holen konnte. Dieser hat es sich insofern leicht gemacht, als er sein bewährtes Schema aus „Heilig Abend“ (Verhör mit Terrorhintergrund) umvariiert zu einem Ossi/Wessi-Thema; wobei charmant ist, dass „Heilig Abend“, anders als in anderen großen Kulturcities, die Erstaufführung in Berlin auch auf einer freien Bühne und mit dem Ausnahmeschauspieler Michael Jamak als Antagonisten erlebt hat – kurz vor Corona-Ausbruch. 

Beide Stücke wiederum referieren, und das wird hier explizit angesprochen, auf das Stasi-Drama von 2002, Das Leben der Anderen (obwohl diese laut IMDb erst 2006 herauskam). Hier dringt ein Mensch, ein Stasi-Spitzel, in das Leben eines Autors ein. Auch in „Heilig Abend“ weiß der Verhörer scheinbar alles über die Befragte. 

In Daniels Freier Bühne Brühl ist es der Nachbar, der mehr mitbekommen dürfte über den bekannten Schauspieler Daniel als vermutlich das Internet. Das stellt sich im Laufe der Gespräche heraus. 

Ein Schwachpunkt bei den Kehlmannstücken ist, dass er im Erfinden eines sehr tauglichen Grundplots unbestreitbar Fähigkeiten hat (auch wenn der Hinweis auf das Stasi-Drama belegt, dass er auch gut im Abkupfern sein kann), dass es ihm aber offensichtlich zu viel Mühe macht, die Texte wieder und wieder abzuklopfen, den Charakteren auf den Grund zu gehen; so bleibt es bei einer oberflächlichen Themenbearbeitung. 

Der Film fängt in dem Luxusloft von Daniel an. Dieser muss dringend los, ein Casting in London. Da Brühl als Regisseur den Anfängerfehler macht, seine Darlings nicht zu killen, wie ein altbewährtes Künstlerprinzip rät, fängt alles viel zu langsam, viel zu deutlich an, es wirkt, als sei Brühl voll selbstverliebt in sein Spiel und die Aufnahmen davon. 

Dabei geht es lediglich um die Information, dass er ein international gefragter Schauspieler ist, der sich ein Kindermächen leisten kann und selbstverständlich von einer Limousine mit Fahrer abgeholt wird. Das Aufzeigen seiner Bekanntheit wird mehrfach wiederholt mit Erkanntwerden sowie Autogramm- und Selfiewünschen (was dann einmal noch als kleiner Witz mit breitem Anlauf konterkariert wird). 

So sehr ich angetan bin von Daniel Brühl als internationalem Schauspielerstar, so wenig ist in seiner Inszenierung von internationalem Kinoflair, der entsprechenden Leichtigkeit zu spüren; filmisch einfallslos und betulich kommt die Geschichte daher. 

Statt zum Flughafen zu fahren, bleibt Daniel in der Stammkneipe nebenan hängen. Wobei auch hier der Knackpunkt, warum er das macht, warum er den Limousinenfahrer wieder wegschickt, nicht klar genug herauskommt; denn er sollte ja den Flieger nach London kriegen. Dieser kleine Spannungsmacher fällt bald flach, man stellt sich darauf ein, dass hier ein Kammerspiel in einer Kneipe ablaufen wird, dass es um die beiden Hauptfiguren geht, dass der Star einen nicht unbedingt erwünschten Spiegel vorgehalten bekommt. 

Der Zuschauer selber sollte also tunlichst den Switch machen, zwischen Weltkino und freier Theaterbühne. Dann werden in seinem Kopf ganz angenehm heutige Themen durchgewedelt und einige Nähkästcheneinblicke in das Leben eines Stars gibt es auch, der sich bestimmt einen Spaß draus macht, einen ganzen – angenehm kurzen – Film lang, nur ein Kostüm zu tragen. Die Themen, die reinspielen sind Gentrifizierung, das DDR-Erbe, das immer noch virulent ist, das rücksichtslose Leben von Hipstern und selbstverständlich die problematische Beziehungsgeschichte – und dann noch, was der Titel als zentral beschreibt: das Nachbarschaftsthema. 

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