Fabian oder der Gang vor die Hunde (Berlinale Summer Special)

Vielleicht 

muss/darf man sich das so vorstellen: irgendwer möchte aus irgend einem Grund (von sich aus gibt der Film das nicht preis) Fabian von Erich Kästner erneut verfilmen. Das ist schon 1980 passiert, da hat Wolf Gremm die Regie geführt und zusammen mit Hans Borgelt und Annette Regnier auch das Drehbuch nach Fabian von Erich Kästner geschrieben.

Jetzt hat sich Dominik Graf den Stoff vorgenommen und mit Constantin Lieb ein Drehbuch dazu geschrieben. Hier setzt die Spekulation ein, wie die das wohl gemacht haben. Der Film lässt vermuten, dass die beiden sich das Buch vorgenommen haben, es durchgegangen sind und sich dann überlegt haben, wie man einzelne Szenen draus machen könne. 

Was herausgekommen ist, scheint mir brave, nicht mal richtig solide, ja uninspirierte Ab-Blatt- Illustrierung und Inzenierung der Story zu sein mit Hinzuerfindungen von Sätzen, von denen ich mir kaum vorstellen mag, dass sie bei Erich Kästner vorkommen. 

Bei der Abgabe eines Mantels an einer Garderobe heißt es dazu, der Henkel sei kaputt. Das signalisiert zwar schön ein vertrautes Verhältnis und dass der kleine Defekt wohl während der Mantelaufbewahrung diskret behoben werden dürfte. Hat Kästner sich um solche Details gekümmert? An einer anderen Stelle kommt ein Transvestit, der ein Arzt ist, in einem Etablissement zu einer verletzten Person und sagt den abgedroschenen TV-Drehbuchsatz: „was ist denn passiert?“; kaum vorstellbar, dass Kästner so einen Satz so geschrieben hat. Es sind dies Sätze aus dem Gossip-Fundus deutscher TV-Realitätssimulationen.

Drehbuch schreiben heißt hier wohl, am Küchentisch – vielleicht auch in einer Datsche auf dem Lande – hocken und sich was aus den Fingern saugen, was allgemeinplätzig zu einer bestimmten Situation passt. 

Diese zentrale Schwäche des Drehbuchs, das maximal für eine Literaturillustrierung genommen werden kann, übertüncht Dominik Graf allerdings elegant-ästhetisch und superablenkend mit filkunsthandwerklicher Raffinesse. 

Graf kann sich nicht genügend an Details der sorgfältigen Ausstattung verjuxen, gerne auch zu lang und doppelt zum Beispiel an einem mechanischen Klavier in einem Lokal oder an einem Grammophon in einem herrschaftlichen Auto; Grafs Begeisterung für Nostalgisches nimmt viel zu viel Raum ein; ist zu laut und zu breitbeinig. 

Sein Protagonist Tom Schillig in der Titelrolle des Jakob Fabian muss gleich zweimal den Kehlkopf in Großaufnahme hochziehen, wie er dem Dreh seiner vermeintlichen Freundin Cornelia (Saskia Rosendahl) im Studio zuschaut (gibt es den Begriff ‚Schnittökonomie‘?). 

Es gibt andere Auswalzungen, die wie bemüht auf Originalität wirken oder schlicht auf Verzweiflung mangels „Einfällen“ schließen lassen. Wie Fabian Berlin hinter sich lässt und wieder zuhause bei seinen Eltern ist, versucht er einen Telefonkontakt zu Cornelia herzustellen. Das Telefon befindet sich im Flur. Wie er telefoniert rennen ständig Vater und Mutter wie in einer Tür-auf-Tür-zu-Klappkomödie im Boulevardtheater vor ihm hin und her. Ohne substantiellen Eintrag in die Geschichte – oder soll das eine spezielle Interpretation des Elternhauses werden, das dem Charakter von Fabian eine bestimmte Farbe verleihen soll? 

Da der Film an dieser Stelle schon über zwei Stunden lang ist, hätte Graf diese wenig aussagekräftige Szene auch knapper fassen oder gleich streichen dürfen. 

Ein Wort zur Sprachregie. Diese scheint mehr eine Nichtregie zu sein oder gar die Anweisung, möglichst schlampig zu sprechen; so kommt es, dass zwar viel Kästner-Originaltext gesprochen wird, aber sehr oft kaum oder nur schwer verständlich ist und dann arbeitet auch die laute Ausstattung und die oft ziellose Kamera noch dagegen. 

Allerdings schafft ein Schauspieler wie Albrecht Schuch als Jakobs Freund Stephan Labude es, bestens verständlich zu sein, obwohl er vermutlich mit demselben Direktton aufgenommen worden ist wie die anderen Darsteller auch. So ein Unterschied wird in einer Literaturverfilmung zum eklatanten Makel. 

Manchmal wünschte man sich, Schuch hätte die Hauptrolle gespielt; denn Tom Schilling ist gerade kein Sprechvirtuose, wobei es seiner Rolle nicht schlecht anstehen würde, eine gewisse Bewusstheit in der sprachlichen Äußerung zu haben. 

Merkwürdig – oder nicht nachvollziehbar – ist auch die Auswahl der Sprecherstimme für den Voice-Over-Erzähler: diese Stimme hört sich werbeversaut an. 

Hinzu kommt das Problem des Drehbuches, dass es nur auf Illustrierung ab Blatt angelegt ist, so dass man immer den Eindruck hat, Schilling spiele das nur vor. 

Noch erschwerender kommt Grafs Faible fürs filmhandwerkliche Kuntgewerbe hinzu, das sich vor alles andere schiebt. Nicht genug, er erlaubt sich noch eine Rahmenhandlung ins Heute, schwer nachzuvollziehen, die lange One-Take-Eingangsszene durch U-Bahn-Gänge ist gleich ein Killer und die soll wohl legitimieren, dass 1931 vor einem Haus bereits goldene Stolpersteine liegen, die ja erst in den letzten Jahren als Gedenken an den Holocaust Verbreitung gefunden haben. In München sind diese Steine umstritten und auf öffentlichem Grund verboten. Jeder einzelne dieser Steine erinnert an ein namentliches Opfer. Graf übernimmt offenbar die Position der Münchner und zeigt, wie Schuhe achtlos auf diesen Namen herumtrampeln (anno 1931!), was von den Gegnern der Steine als Argument angeführt wird. 

Zum Kunsthandwerklichen gehört auch der Musikeinsatz, der gerne, wenn Außen- und Nebengeräusche möglich sind, knallig überzeichnet zu dick gerät; vermutlich Ausdruck jener Hilflosigkeit Grafs dem Kästner-Roman gegenüber, die er damit zu übertönen versucht. 

Von der Fabianfigur und ihrer Intentation ablenkend sind auch Kamera- und Splitscreenspielereien, sowie Montage und Verfremdung auch von zeitgenössischem Archivmaterial. 

Zum Geschnäcklerisch-Kunstgewerblichen gehört auch die Entscheidung für das Bildformat, was an Super-8-Filme erinnert, was also suggerieren solle, es handle sich um ein Liebhaberprojekt; womit der Macher sich wie für massive Unzulänglichkeiten entschuldigt, für Kameragefuchtel und dergleichen. 

Schlechte Erzählökonomie wegen dieser Kunstgewerbe-Begeisterung für Grammophons, Plakate, mechanisches Klavier oder auch Schilderung im Eheanbahnungsinstitut. 

Hinzu kommt eine konventionelle, wenig Überraschungen bereithaltende deutsche Subventions-Standardbesetzung. 

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