Vogelfrei. Ein Leben als fliegende Nomaden

Es mit 50 nochmal wissen wollen.

Andreas Zmuda hat schon 20 Jahre lang in der Karibik gelebt; seine Flugerfahrung beschränkt sich auf ein fliegendes Schlauchboot. Wie er Doreen Kröber kennenlernt, entwickelt sich die Ideen einer Weltumfliegung in einem Leichtflugzeug für zwei Personen, einem Flugzeug ohne Kabine. Das dürfte für den Film zum unique selling Point werden. 

Und ein ebensolcher im Genre der Reise- und Abenteuerfilme dürfte sein, dass Zmuda zum Zeitpunkt der Reiseidee bereits 50 ist und bereit, mit seiner Partnerin, alles hinter sich zu lassen, das selbst zusammengebaute Flugzeug nach Amerika zu verschiffen und in Florida die mehrjährige Flugreise zu beginnen; es ist 2012. 

Der Film umfasst die Reise von Florida quer über die Staaten in Richtung Pazifik und dann in etwa die Konturen von Lateinamerika abfliegend, Panama bis Patagonien und auf der Atlantikseite teils ellenlang über den Amazonas in Richtung Karibik. 

Allein in der Karibik halten sie sich über anderthalb Jahre lang auf, nicht nur freiwillig; die Bürokratie, das Wetter, aber auch die Lebensfreude tun ihr übriges. Hier gibt es Aufnahmen des größten Faschings lateinamerikanischer Prägung. 

Der Flug selber ist aus verschiedenen Perspektiven gefilmt, eine im Gestänge oder am Apparatenteil angebrachte GoPro, selbst geführte Kamera; es gibt aber auch Aufnahmen von Außenstehenden, wenn sie etwa supergewagt auf einem kleinen Küstenstreifen starten, der abends zuvor noch von der Flut zugedeckt war. 

Zu sehen sind nicht nur faszinierende „von oben“-Aufnahmen, jede Menge Start- und Landebahnen, große internationale bis halb schon versandete Pisten, originelle Abfertigungshallen, Papierkrieg noch und nöcher, wobei die beiden Filmemacher und Abenteurer uns da zwar einen Einblick geben, uns aber vor der Mühsal desselben verschonen. 

Es fallen touristische Augenblicke ab, Mumien in Kältewüste, ein Bananen-Marathon, Voodoo-Ritual, Fasching, Kunstgewerbe, Edelsteinminen, Goldwäsche am Fluss, Umrundung von Zuckerhut und Jesusstatue in Rio oder der Freiheitssstatue in New York. Die Kommentare der beiden sind frisch und herzlich. 

Der längste Flug ist atemberaubend, 500 Kilometer über den Amazonas. Das Problem bei der Fliegerei ist, dass sie nie in Wolken geraten dürfen, weil sie dann die Orientierung sofort verlieren. Und wenn das Benzin allmählich zu Ende geht und immer noch kein Loch in der Wolkendecke sichtbar ist, dann wird*s brenzlig. 

Es ist ein Abheb-Kino im Sinne eines angenehmen Eskapismus, besonders wenn man ein Jahr Corona hinter sich hat. Es paaren sich bei Zmuda in ungewohnter Weise deutscher Perfektionismus (wenn nicht jedes Schräubchen kontrolliert ist…) einerseits und unbändiger Abenteurgeist andererseits, ein kaum zu stillender Lebens- und Erlebnishunger. 

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