Atomkraft for ever

Doppelt so teuer wie die Deutsche Einheit,

kleiner Seitenhieb eines französischen Atomwissenschaftlers bei einer Konferenz junger französischer Atomingenieure, der Ausstieg aus der Atomkraft komme Deutschland doppelt so teuer zu stehen wie die deutsche Einheit. Das sind Größenordnungen. 

Oder: selbst wenn es die Menschheit in einer Million Jahre noch geben sollte, wird sie mit den Abfällen der Reaktorindustrie befasst sein. 

In einem kinematographisch faszinierenden, überlegten Tour d‘ Horizon betrachtet Carsten Rau verschiedene Positionen im Zusammenhang mit der Kernenergie – ohne auch nur ansatzweise in diesen typischen TV-Asthmatizismus zu verfallen oder in die elendigliche TV-Verzopferei von Storysträngen . 

Rau fängt an mit einem Einblick in den Rückbau des Kernkraftwerkes Greifswald, das noch in der DDR gebaut wurde: ein Jahrzehnteprojekt. Aus dem Archiv preist ein entzückender DDR-Propagandafilm die moderne Errungenschaft. 

Die BRD ließ sich auch nicht lumpen; hier preist Caroline Reiber den Bau des Kernkraftwerkes Grundremmingen als fortschrittlich und modern. Auch dieses ist dabei, abgestellt zu werden. Hier kommen der Bürgermeister und Nachbarn zu Wort. Wie sie sich an die zwei dampfenden Kühltürme gewöhnt haben, wie sie sich nie unsicher gefühlt hätten, wie es die Gemeinde zum Prosperieren gebracht habe und wie sie jetzt wehmütig auf den einen Kühlturm schauen, der bereits nicht mehr dampft. 

Enthusiasmiert schildert in Frankreich ein junger Atomingenieur den Mechanismus der Kettenreaktion, wie dadurch aus einem Minimum an Ursprungsmaterial ein Maximum an Energie gewonnen werden kann. Es scheint diese Faszination den Menschen nicht loszulassen, ohngeachtet der Gefahren.

Kleiner Exkurs zum Menschen und seinem Wissen um Gefahren, nicht im Film: Man kennt es von fruchtbaren Vulkanböden: die Menschen bauen Siedlungen auf diesem Boden, obwohl sie wissen, dass der Vulkan eines Tages wieder ausbrechen kann. Und so scheint es mit den Kernkraftwerken zu sein. 

Rau lässt sich an den einzelnen Positionen genügend Zeit, damit man sich ein Bild machen kann: vom Rückbau, der auf Jahrzehnte angelegt ist, von einem Forschungszentrum, das abgebrannte Stäbe analysiert, von Besichtigunstouren in Greifswald, vom Thema Endlagerung und in dem Zusammenhang Gorleben als Zwischenlager oder in der Zentrale der Netzführung Amprion, aber es gibt auch einen Seitenblick auf ein Kohlekraftwerk, das für den Notfall fit bleiben muss. 

Die Wahl der Protagonisten ist kinofreundlich. Zwischendrin gibt es kurze Infotexte, einerseits zum allgemeinen Energiebedarf, zur Anzahl von Kraftwerken, zur Zeit, die es dauert, bis die Abfälle wirklich keine Gefahr mehr sind, auch das Thema, dass Deutschland durch den schnellen Atomausstieg kopflos in die Energiezukunft zu stolpern scheint, bis jetzt mit mehr Glück als Verstand. 

Wünschen wir dem Film, dass die Kinos wieder offen sind zu seinem geplanten Start, er verdient es, im Kino gezeigt zu werden – garantiert keine hingepfuschte Fernsehware. Und in Greifswald geben gemütliche Pater Noster den Rückbaurhyhtmus vor. 

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