Tatort: Wo ist Mike? (ARD, Sonntag, 16. Mai 2021, 20.15 Uhr)

Hafenstadt Nürnberg.

Ein interessanter Aspekt, Nürnberg als Hafenstadt zu zeigen, denkt man, ach so, aber dann ist es gar nicht Nürnberg, es ist Amsterdam. Es hat wenig Plausibilität, dass der junge Mann, der anscheinend auf der Flucht ist, spontan auf der Flucht, ohne jedes Reisegepäck, so mir nichts dir nichts grade noch – bildlich schlecht erzählt – auf einen, irgendeinen, Bus aufspringt und dann schon vom Airport NURN abhebt. So viel hat man aus den wenig verständlichen Dialogen bisher, noch eine junge Frau und ein Kind, verstanden, dass er wohl gesucht werde. Also auch bemerkenswerte Sprechermängel beim Cast. 

Es ist das Elend beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der zu Lasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird (die Reichen halten sich, relativ gesehen, so gut wie raus aus der Finanzierung des 9-Milliarden-Topfes), dass es kaum Wettbewerb gibt, wenn Projekte, Filme, Tatorte gemacht werden. Die Vergabe von generell gut dotierten Posten wie Drehbuch, Regie, Casting, Darsteller ist eine einzige Gunstbezeugung durch die Zwangsgebührentreuhänder, hier durch Stephanie Heckner in letzter Instanz, wenn ich die Hierarchie richtig verstehe. Die hat gerade neulich im Zusammenhang mit dem Doppeltatort mit einem anderen Sender zugegeben, dass wenn jemand einen ihrer Meinung nach schönen Tatort macht, dieser oder diese wieder einen drehen „darf“ (Über 30 Jahre Batic und Leitmayr). 

Das ist übel, übel. Und auch dieser Tatort von Andreas Kleinert nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich ist ein Beweis für die Untauglichkeit dieses an Patronage erinnernden Systems. Andreas Kleinert wurde anfangs als Filmemacher gehypt. Heute beweist er mit diesem Frankentatort, wie das Fernsehen Talente in den Keller befördert und ihnen unterstellen lässt, sie würden vielleicht lieber Zombie-Filme machen, statt sich ernsthaft mit den Menschen zu beschäftigen, ein Abbild unserer Lebenswelt zu schaffen. Das funktioniert schon vom Cast her nicht (wenn wenigstens Chemie wäre zwischen dem jungen Liebespaar!). Noch weniger vom wie mit dem Brecheisen gegen jede Lebenserfahrung zurechtgebogenen Drehbuch und einer konfusen Erzählweise, in der schon kurz vor Halbzeit das bisschen Spannung in sich zusammensackt, wie die Titelfrage beantwortet ist. 

Die am liebsten hämmernd musikalische Untermalung auf der Tonspur verstärkt den Konfuseinddruck. 

Nach der Hafenstadt Nürnberg als Amsterdam hupft der Film ins Privateste der Kommissarin (Dagmar Manzel), die ist wirklich hübsch im Gesicht, besonders von nah und wenn sie die Bettdecke umgehängt schulterfrei ein Treppenhaus runter schreitet, das ist große Operndiva aber dann wird es laientheaterhaft, dialogisch wie inszenatorisch (bezahlt werden wollen sie aber alle als Profis!): sie sitzt an einem Tisch und ein Mann kommt dazu und sagt nach der Begrüßung. „Leider habe ich gestern Abend versäumt, Sie nach Ihren Frühstücksgewohnheiten zu fragen, deshalb habe ich mir erlaubt, quasi vorsorglich dreierlei Eier zu machen, Rührei, Spiegel und Ei im Glas“ (immerhin kann man diese Sätze zitieren, da sie wenigstens verständlich gesprochen sind). Sie: „Ich will alles“. Er: „Oh“. (Gedanke im Kopf des Zuschauers: so eine draufgängerische Kommissarin; öffentlich-rechtlicher Infantilhumor). Dann will sie dem Herren das Du anbieten in der verknorzten Szene. Ja gerne, meint er und kniet – in welcher beschissenen Filmwelt befinden wir uns hier eigentlich? – kniet ritterhaft vor ihr nieder. Paula, sagt sie, ich bin Rolf, meint er, und sie geben sich die Hand – sorry, solch überkommene Geschlechterrollenbilder (es fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass sie ironisch gemeint seien) würden nicht mal bei einem Bewerbungsfilm für eine Filmhochschule angenommen. 

Es folgen Handkuss und Schmusekuss. Dann löst sie sich, fängt wieder an zu essen und fragt, sag mal, was ist eigentlich mit – den Raben los, die krächzen die ganze Nacht. Ah, die Raben, die stehen unter einem besonderen Schutz, meint der knieende Gentleman, während sie ihr Eierdreierlei-Frühstück unterbricht, so was von schülerhaft erfunden alles, und die Raben hätten keinerlei natürlichen Feinde, fährt er fort, das wissen die (Essen im Film, das können die Asiaten, aber doch nicht die Deutschen). Die beiden Akteure lächeln einvernehmlich. Er fährt, nicht mehr so gut verständlich, fort, und feiern, ha ha, geht in beidseitigem Gekichere unter. Jetzt wendet sich die Kommissarin wieder den Dreierlei-Eierspeisen zu, während er unverändert meint, er habe sich daran gewöhnt. Sie schnappt sich ein Gäbelchen und er fügt hinzu: und heute Nacht habe ich sowieso nur Deinem Atem gelauscht. Sie unterbricht wieder das Eieressen und fragt ihm zugewandt, hab ich geschnarcht? Er macht ein paar hohe Piepstöne, die kurz in ein Schnarchen und dann wieder in Gelächter übergehen, das mit einem Routinekuss abgebrochen wird. – 

Schnitt nach Amsterdam. Das muss man sich mal vorstellen, da knapsen sich Menschen in bescheidenen Verhältnissen alle drei Monate über 50 Euro für die Zwangsgebühr ab und dann erhalten sie solch ungenießbaren Mampf serviert und noch dazu ohne Ahnung vom Menschen. 

Wobei der Anschluss zur Vorszene, was die Kleidung von Paula betrifft, nicht stimmen kann, jetzt trägt sie ein Oberteil, vorher nicht, sie war schulterfrei unter der umgehängten Bettdecke. Also auch handwerklich unsauber. 

In Amsterdam folgt daraufhin die bei deutschen Filmhochschülern übliche und unentbehrliche Discoszene, so fantasielos wie alle anderen auch und vom Storytelling her ohne Belang. 

Nach fast zehn Minuten erzählerischen Leerlaufs wird endlich in Bamberch ein Kind vermisst. Bis dahin dürften schon viele Zuschauer weggezappt haben oder eingedöst sein. 

Nun will der Film mit einem extravagant-futuristischen Einfamilienhausklotz punkten und das Videogamethema kommt zum Einsatz. Entsprechend zombiehaft und entfremdet agieren die Menschen darin (dicker moralischer Zeigefinger, so sind diese Menschen heute!) – und ist doch nur schlechtes Schreitheater und dabei noch fett das Impfthema aufs Auge gedrückt (und damit noch einen Punkt bei der Redakteurin geholt). Noch kurioser, dass der Herr Fischer (Andreas Leopold Schadt), der hier wie ein Marsmensch lebt, einer der wenigen mit einem fränkischen Farbtupfer ist – gerade so ein Kuriosum müsste in einem Drehbuch das mehr als nur gaghaft sein will, erklärt werden, denn wenn das nicht begründet wird, wenn also offenbar nach der Devise gehandelt wird, beliebig, also gedankenlos, auf die eine oder andere Figur im Polizeiruf aus Nürnberg einen fränkischen Farbtupfer zu verstreuen, so lässt das in diesem Falle explizit die Interpretation zu (nach dem Pars-pro-toto-Denken), dass der BR die Meinung vertritt, Franken seien exzentrische Spinner – eine doch einigermaßen befremdliche Idiom-Politik eines Senders, dessen DNA selbst einen beachtlichen fränkischen Anteil enthält. 

Inzwischen, nach doch schon 20 Minuten, erfahren wir, wie der Junge heißt, der nach Amsterdam geflogen und inzwischen nackt auf einem Platz in Nürnberg von der Polizei (statt Sanität; die hätte extra gekostet) erstversorgt worden ist: Titus (Simon Frühwirth). 

Und gleich erfahren wir noch einen Namen, den des Lovers der Kommissarin, der heißt Glawogger (Sylvester Groth) und taucht in einer Polizeikartei auf, weil Schüler ihm sexuall inadäquates Verhalten vorgeworfen haben (Anlass für eine kleine Diskussion darüber; vermeintlicher Aufklärungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen) . Dabei setzt lustigerweise der Kokomissar (Fabian Hinrichs) in diesem Film andauernd eine Kindsmördermiene auf; als ob er dem Zuschauer das Filmthema kommunizieren wolle. Schwaches Drehbuch kann man nur sagen, schwaches Drehbuch. 

Es werden weitere Themen in das Konglomerat reingeimpft: psychotische Störung, verrückte Mutter, Psychodoktor, Horrorkeller, Gewalt in der Ehe, Klappschrank, Angst vorm Vater, Vaterlosigkeit, Vaterersatz, Belästigungslüge: effiziente Selbstmordmethode mit Drahtseil und Auto (man darf gespannt sein, ob die bald schon Nachahmer findet). 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert