DAS PROBLEM DER DEUTSCHEN FILMLANDSCHAFT / zdf magazin royale (auf youtube)

Böhmermann, differenzieren bitte! 

Klar, Satire muss pauschalisieren, sonst ist sie keine Satire, auch wenn sie dadurch platt und letztlich zahnlos bleibt. Gaudi um des Gaudis willen. Bashing aus Bashingfreude. Eine Sau durchs Dorf treiben, die lahm genug dafür ist, das ist nun wahrlich keine Kunst, das ist nicht mutig. Satire muss auch überzeichnen, richtig, aber Überzeichnung muss die Grundproportionen wahren. Und wenn die Lustigkeit nichts ändert, dann ist sie wohl umensunscht. 

Da hat der Böhmermann schon recht, oder das recherchierende Team hinter ihm, das deutsche Fördersystem ist zwar eine Förderung, aber gleichzeitig ein immenser Hemmschuh für das Kino. Es ist verbürokratisiert. Es muss, da es staatliches Geld verteilt, alles rational – und auch moralisch – begründen. Es muss sich absichern, kann sich kaum was trauen, weil letztlich Gremien das wichtigste entscheiden. Ein Gremienkino ist es. 

Aber Böhmermann erzählt nur die halbe Wahrheit oder schildert sie ungleichgewichtig, denn ein anderer wichtiger Teil dieses Systems ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der ebenfalls mit Hunderten von Millionen Euro die Filmproduktionen unterstützt; das erwähnt der Satiriker zwar, aber so als spiele es nur peripher und eine unbedeutende Nebenrolle. Das dürfte nicht ganz den Tatsachen entsprechen. Aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist sein Brötchengeber, hier das ZDF, dem wollen wir nicht zu sehr auf die Pelle rücken, wobei just das ZDF mit dem kleinen Fernsehspiel ab und an mutige Projekte unterstützt.

Ins deutsche Kino fließen also oft mindestens so schwergewichtig die Bedenken der öffentlich-rechtlichen Zwangsgebührentreuhänder, der Fernseh-Redakteure, ein in die Gremienentscheidungen, zB was Besetzungen betrifft. Wie es in solchen Gremien abläuft, das wäre echt mal eine äußerst scharfe Satire wert.

Ohne Fernsehgeld geht im deutschen Kino kaum was. Es ist also noch komplexer als von Böhmermann und seinem Team behauptet. Dagegen steht ein Heer erwachsener Menschen, Medienberufsmenschen, die oft mit Herzblut mittun; und die selbst in schwachen Komödien einen Reiz entwickeln können, wie ein Elyas M. Barek beispielsweise. Auch diese Seite des deutschen Filmes blendet Böhmermann aus – ok, nicht ganz, Toni Erdmann gegen den Rest des Kinos in etwa.

Das undurchdringliche Gremiengewucher im Zeugungs- und Kreißsaal des deutschen Filmes führt insgesamt zur Provinzialität des deutschen Kinos. Das wiederum erzeugt negative Wechselwirkungen auf die Filmkultur, die Mutlosigkeit breitet sich so exponentiell aus wie das Virus. Denn keiner, der an den Zitzen der Subvention hängt, möchte sein Teil an der Kinomuttermilch aufs Spiel setzen. Dieses Verhalten gäbe allerdings großartigen Stoff für Satire ab, wie selbst – oder gerade sie – prominente Menschen aus der Filmwelt sich karikaturreif benehmen, wenn es um die Sicherung ihres eigenen Namens, ihres Anteils am Kuchen geht. Das Thema ist eines der großen Tabus. Just Böhmermanns Art der Performance könnte da fabelhaft zur Geltung kommen. 

Als erstes könnte er sich Kirsten Niehus vornehmen, die er negativ hervorgehoben hat; wie „Namen“ Bücklinge vor ihr machen, sich schleimend der Geldöttin nähern, was an Geschenken und wie überreicht wird, an Gunstbezeugungen, an Einladungen und wie sie innerhalb des Räderwerkes funktioniert. Das wäre sicher eine tolle Aufgabe für Böhmermanns Rechercheteam. Die sollen sich doch bittschön mitten ins Getümmel trauen mit offen Augen und Ohren!

Ins Getümmel, das ein riesiges Gunstgewerbe mit kaum Wettbewerb ist. Böhmermann als Stephanie Heckner vom BR, die in einer Sendung zum Bayern-Ruhrpott-Tatort sagt, dass die Regisseurin das so schön gemacht habe, dass sie gleich noch einen Tatort drehen „dürfe“; müsste doch eine Traumrolle für Böhmermann sein. 

In so einer bemühten Gemengelage wie um den deutschen Film ist eine gegenseitige Befruchtung, eine kreative, film- und filminnovationsfreundliche Atmosphäre undenkbar. Im Subventionstümpel herrschen Angst und Neid. Das fängt schon an den Hochschulen an und endet nicht mit Eintritt der Rente.

In diesem Klima der Angst kann Zivilcourage nicht gedeihen und insofern verwundert es nicht, dass die von Dietrich Brüggemann gut gedachte „allesdichtmachen-Aktion“ einknickt wie ein Eselchen, das das erste Mal aufzustehen versucht. 

Zu Böhmermanns Entlastung sei gesagt, so wie er den Text ablesend performt, wird völlig klar, dass er kein Cineast ist; das sagt er ja selbst. 

Hier stefe-Reviews zu von Böhmernann zitierten deutschen Filmtiteln: 

ABSCHUSSFAHRT

… hier hechelt das deutsche, zwangsgebührenfinanzierte Kino Welterfolgen … hinterher.

NIGHTLIFE

… kämpfen die Schauspieler umso mehr, als ob sie auf Treibsand agieren

VERRÜCKT NACH FIXI

Zielgruppenprodukt für den Sommerschlussverkauf mit kurzer Verfallszeit

MÄNNERHORT

… das odelt

MÄNNERTAG

…nichts Neues zu finden … eine Art Stammtisch- oder Schrebergartenunderstanding (mit dem Publikum)

MÄNNERHERZEN

… viele nette Witzchen …

IRRE SIND MÄNNLICH

Da ist es wieder, unser liebes, anspruchsloses Pfründenkino, bei dem der einzige Anspruch der zu sein scheint, auf der korrekten Bezahlung der guten, zwangsgebühren- und steuerfinanzierten Gage zu bestehen.

WHAT A MAN

… echter Traum aller Schwiegermütter

Das Schmatzen als Nonplusultra verwegener Mannwerdung.

MANN TUT WAS MANN KANN

bleifüßige, deutsche Boulevardkomödie für ein gesetzteres, anspruchsloses Publikum

DA MUSS MANN DURCH

Der Film verzichtet konsequent auf alles, was ein Publikum verführen könnte.

Auf den mäßigen ersten Teil folgt nun der noch mäßigere, zweite Teil, ….zum pfründenhaften Abgreifen von Subventions- und Fernsehgeldern …

GUT ZU VÖGELN

Warum Max von Thun die Hauptrolle zu spielen bekommen hat, bleibt ein Rätsel.

… Viele bekannte TV-Namen haben sinnfreie, weiter nicht erwähnenswerte Gastauftritte und sich damit ein kleines Taschengeld auf Kosten von MBB Medienboard Berlin Brandenburg, Filmförderungsanstalt FFA und Deutschem Fimförderfonds DFFF dazu verdient, selig seien diese Filmförderer, denn sie wissen nicht, was sie tun …

HOT DOG

… gezieltes Werbevehikel … für Marken wie Mc Donalds, Mercedes, Pepsi und (verbal) Dupla.

VATERFREUDEN

…Format einer gehobenen Buddelkastenübung …

100 DINGE

Kaffeekränzchenmoral

Omas Käseglockenkino

COMING IN

… deutsches Gefühlskino (was eo ipso ein menschelndes Biederkino ist) —

putzige Sprüche und Witzchen

TONI ERDMANN

Aneinanderreihung liebenswürdiger bis bösartiger Szenen

Musterkatalog wunderbarer Szenen für das Karriere- und Kapitalismusbashing

25 KM/H

Kino für den Vereinsabend.

Der Ehrgeiz der Filmemacher zielt nicht über die bundesdeutschen Filmsubventionsgrenzen hinaus.

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