The Ark (DOK.fest)

China Close-Up.

Oder auch: Covid Close-Up insofern, als Dan Wei seinen beklemmenden schwarz-weiß Dokumentarfilm zur Zeit des Ausbruchs der Pandemie in China gedreht hat. Insofern, als die Patientin im Mittelpunkt des Interesses, die 76-jährige Zhang Xiuhua, in einem Spitalbett liegt und künstlichen Sauerstoff erhält und auch sonst an Schläuche angeschlossen ist. 

Im ersten Moment denkt man noch, aha, eine smart-gediengene Kameraübung in Schwarz-Weiß, weil Dan Wei unter Dokumentation zuerst versteht, die Kamera drauf zu halten und nah ran zu gehen, nah ran an das zerfurchte Gesicht, an die Schläuche, an den Körper, an die Haut, an die Poren oder auch an Röntgenbilder, nah ran bis an die Schmerzgrenze wird sich bald herausstellen, auch mit dem Ton, nicht das Röcheln, das schon nah am Todesröcheln ist, ausblenden, keine vorauseilende Selbstzensur dem Zuschauer gegenüber ausüben. 

Dokumentation heißt hier, konsequent draufhalten, auf das, was zu sehen ist, sich der Härte der Dinge und der Dramen, die in einem Spitalzimmer ablaufen können, nicht verweigern, mitten drin dabei sein und bleiben. Das geht wohl nur mit Handykamera. So fängt sie dramatische Geschichten ein, die sich um das Krankenbett abspielen. 

Söhne und Töchter kümmern sich liebend um die Mutter, sie versuchen Tag und Nacht bei ihr zu sein. Für unsere Verhältnisse wirkt es ungewöhnlich, wenn hinter dem Krankenbett auf dem Weg in den OP-Saal ein ganzer Pulk von Familie hinterherdrängt. 

Dan Wei hat sein Material verblüffend leicht montiert, hat mit Schwarzbildern, die austesten, wie lange sie sein können zwischen Kapiteln oder Abschnitten, den Film geordnet, hat ihm so einen tragenden Rhythmus verschafft. 

Am Krankenbett oder im Flur davor entspannen sich Gespräche, die einen Einblick in die Lebenswelt der Nachkommenschaft geben, wie krank doch das Land sei, ist zu hören, über Korruptionsfälle wird geredet, wie doch der Sohn von einem Funktionär auffällig viel Geld habe, die Einkindpolitik wird verhandelt und die Folgen auf das Rentensystem (Mutter Zhang Xiuhua hat zwei Söhne und drei Töchter); es geht um die Bezahlung der Behandlungskosten und ob man Klinik und Arzt wechseln wolle. 

Es zeigt sich ein tiefer Spalt in der Familie zum Thema Religion, ein Teil ist christlich; das wird virulent beim Anblick eines Bildes, das die Arche Noah darstellt; daher rührt auch der Titel (Ark gleich Arche) dieser dichten Dokumenation, die an die Nieren gehen kann. 

Im Hintergrund gibt es gelegentlich Medienberichte über Corona und Leute, die unstimmige Gerüchte darüber veröffentlicht hätten. Das kennen wir inzwischen auch. 

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