Soldaten (DOK.fest)

Alles ist Kopfsache. – Kopf ausschalten!

Innert weniger Minuten bekommt ein Rekrut diese widersprüchlichen Sätze von seinem Vorgesetzten zu hören. Was nun? Kopf einsetzen oder Kopf ausschalten? 

Die Frage scheinen auch die beiden Dokumentaristen Willem Konrad und Christian von Brockhausen nicht so richtig beantwortet zu haben. Das führt dazu, dass der Film von einer anfänglich möglichen Distanz zur Armee zur reaktionären Propaganda sich wandelt. Vielleicht machen sie die Kopfwäsche durch, die Rekruten in ihrer Ausbildung erleben (das hätte man auch wacher verfolgen können). Es kann schließlich um Leben und Tod gehen. 

Die beiden Dokumentaristen sind quasi „embedded“, also eingebettet in den Ausbildungsbetrieb der Bundeswehr und begleiten dort zwei sich allmählich herauskristallisierende Protagonisten. 

Embedded ist gleichzusetzen mit Ausschalten des kritischen Verstandes. Das sieht man hier sehr schön. Anfangs überrascht es, wie stark gezeigt wird, aus welch beschädigten Milieus die Möchtegernsoldaten kommen. Das ist nicht Starnberg oder wie die feinen Orte alle heißen. Das sind gesichtslose Orte mit Mietskasernen, irgendwo. 

Beim Anblick der Neulinge, die noch in Privatklamotten stecken, denkt man, oh, falls das die künftige Elite Deutschlands sein sollte, das sähe nicht gut aus. Keine Bange. Es handelt sich hier um das künftige Kanonenfutter Deutschlands. 

Denn seit 9/11 und der blinden Gefolgschaft hinter den USA an den Hindukusch, hat sich die Idee der reinen Verteidigungsarmee (Afghanistan hat weder Deutschland noch die USA je angegriffen) in Nichts aufgelöst. Der Film skizziert das in wenigen Momentaufnahmen, Bundeskanzlerin Merkel, die meint, Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen (hübsch euphemistisch fürs damit inkludiertes präventives Töten) und Bundestagspräsident Schäuble meint, Deutschland müsse seine Werte verteidigen (offenbar überall in der Welt – warum dann nicht gleich auch in China?), Guttenberg (aktuell wegen Wirecard in Diskredit geraten) verändert die Bundeswehr zur Freiwilligen Armee. Die jetzige Verteidigungsministerin meinte „das Spektrum der militärischen Mittel, wenn nötig, auszuschöpfen“ (auch hier dürfte wieder schön verdruckst das präventive Töten gemeint sein). Da in Afghanistan als Übungsplatz unter Realbedingungen nichts mehr geht, sollen jetzt mehr Soldaten nach Mali verlegt werden. 

Die Bundeswehr als Weltpolizist, Völkerrecht hin oder her. Klar, eingebettete Filme in einer Armee können nichts anderes als Propaganda werden. Da aber die Bundeswehr durch diese (problematischen) Entwicklungen zusehends ein Legitimationsproblem bekommt, versucht sie es eben auch mit Filmen. Til Schweiger hat bereits 2012 einen erfolglosen Kriegspropagandfilm gemacht (Schutzengel).

Ich bin Anastasia, das war sympathische Werbung für die Bundeswehr (aber sicher nicht für Kriegseinsätze). Und jetzt dies. Immerhin schreiben sie im Abspann bei der Erwähnung der Todesfälle in Afghanistan nicht den Begriff „Gefallene“; aber das Gelöbnis kommt ausführlich, das Familäre und die Kameradschaft werden gepriesen, eine der Hauptessenzen eines jeden Kriegspropagandafilmes, dann die evangelische Taufe eines der Kandidaten („Du sollst nicht töten“), rührend, aber das erzählt auch, dass die Bundeswehr einen guten Menschen aus ihm gemacht habe; und schließlich der typische Satz aus amerikanischen Kriegspropagandafilmen, dass der Soldat glaubt, mit seinem Einsatz zu einer besseren Welt beizutragen oder gar, Deutschland etwas zurückzugeben – und dabei geht es womöglich nur um das eigene Abenteuer des Einsatzes in Ländern, wo einer sonst nie hinkäme, und das noch eingebettet in einen großen, fürsorglichen militärischen Apparat. Vor dem Abflug nach Afghanistan findet noch eine Quarantäne im werbeweriksam erwähnten Marriott-Hotel statt und am Schluss des Filmes hebt die Transall ab in Richtung Asien. Das wirkt wie das Sahnehäubchen: wer brav lernt im Militär, der darf auch in den Auslandeinsatz (der gut bezahlt ist, speziell für Leute mit so mittelprächtiger Ausbildung). 

Die Bilanz des 20-jährigen Afghanistan-Einsatzes ist niederschmetternd, unter anderem ist es ein bis heute nicht abbrechender Flüchtlingsstrom aus Afghanistan, ein instabiles Land mit pausenlosen Anschlägen und ob die von Deutschland ausgebildeten afghanischen Soldaten im Stande sein werden, dem Land in Zukunft Sicherheit und Demokratie zu garantieren, das steht in den Sternen.

Der Abspann lässt jedenfalls keine kritische Reflektion der Auslandseinsätze der Bundeswehr erkennen (die in Afghanistan zum ersten Mal seit Hitler wieder präventiv getötet hat): 

„Als direkte Folge der Anschäge vom 11. September beginnt Ende 2001 ein internationaler Militäreinsatz in Afghanistan. Auch Deutschland ist beteiligt. 

Bis heute sind dort 59 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. (Stand September 2020)“

Die Beteiligung öffentlich-rechtlicher Sender an diesem Film gibt dem Begriff Staatsfunk brisante Nahrung, denn der Film reiht sich bei diesem schwierigen Thema ganz klar, ohne es zu begründen, hinter der Staatsraison ein, ja propagiert diese sogar

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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