Lost Boys (DOK.fest)

Nüchtern

scheint hier am ehesten noch der Filmer Joonas Neuvonen zu sein, der mit Sadri Cetinkaya als Autor und Regisseur fungiert (zu den Autorencredits kommt noch Venla Varha hinzu). 

Dieser Eindruck wird noch verstärkt dadurch, dass Neuvonen sich als Ich-Erzähler von einer professionellen Erzählstimme (Pekka Strang) nachsprechen lässt. Alles andere ist Droge, Rausch, Sex, Exzess; das Bildmaterial, die Montage, der Sound. Das in der krassen Spannung zwischen Finnland, Thailand und Kambodscha. Schneelandschaft im Norden, Sündenpfuhl in Asien. 

Dass Neuvonen aus einer anderen Gesellschaftsschicht stammt als seine beiden Freunde und Protagonisten Antti und Jana, das stellt er früh im Film fest. Deswegen üben die beiden Junkies, die er in der Pampas Finnlands kennengelernt hat, vielleicht so einen Sog auf ihn aus. 

Die Drei verbringen gemeinsam eine Zeit in Thailand und Kambodscha: üble Drogen, geschnieft, als Rauch inhaliert oder in die Venen gespritzt, willige Frauen, Jan verliebt sich gleich in Lee Lee und heiratet sie. So weit ist es von der Story her Klischee. 

Aber Neuvonen lässt sich tief ein in den Rausch, er ist immer dabei mit der Kamera, ganz nah, ganz freundlich, ganz privat und persönlich, ja er geht soweit, sich als Drogenkurrier einspannen zu lassen. Das Material dieser Reise wird zum Film im Film, zur Rückblende. 

7 Knastjahre später zieht es Jani und Antti wieder nach Ostasien; sie waren nicht mehr die gleichen. Der Absturz geht weiter. Bis Neuvonen erfährt, Jani habe sich in Kambdosch erhängt. 

Die Reise dorthin und die Recherche nach der Ursache für diesen Tod wird zur Storyline der zweiten Ebene des Filmes. Die nicht weniger rauschhafte Rahmenhandlung spielt in einer Gefängniszelle; die Kamera, die sich hier nicht verstecken braucht, fährt den endlos gleichen Raum ab, auf der Suche zur Grenze zwischen Realität und Paranoia in diesem Raum voll Nichts. Und spätestens hier wird klar, dass es sich garantiert um keine billige Sensationsmache handelt, sondern um eine recht nüchterne Betrachtung rauschhafter Abgründe des Seins bei gleichzeitig hohem Authentizitätsanspruch – und das Licht geht nie aus, 24 Stunden am Tag nicht. 

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