Je m’appelle Humain – Call me Human (DOK.fest)

Überlebende einer Geschichte, die keiner erzählt,

ein Satz aus einem Gedicht von Joséphine Bacon, der Stimme der kanadischen Innuit, die Kim O’Bomsawin eindrücklich filmpoetisch vorstellt. 

Bacon braucht das Wort Poesie gar nicht. Es kommt einem nach dem Film direkt komisch vor, diesen Familiennamen, diese administrative Schubladisierung, für die einmalige Protagonistin zu verwenden. Ihre Welt ist Poesie, ihre Innuit-Welt, die sie als Kind geprägt hat. Der Lebensstil der Innuit ist Poesie. Sie brauchen keine Bücher. Die Bibel ist das Buch. Ihre geistige Welt lebt in den Erzählungen über das Leben zwischen Tundra, Karibus, Horizont und Sternenhimmel. 

Mitte letzten Jahrhunderts spätestens mussten die Kinder der Innuit übers Jahr fern ihrer Heimat in Internate gesteckt werden. Davon gibt es Archivfootage, nicht gerade ansprechend; über die Zeit will die Dichterin nicht sprechen, die sei eine Leere. 

In Montreal kam sie in die Zeit der Beat-Generation. Hier sammelten sich viele Inuit und hier begleitet Kim O’Bmsawin die Dichterin an Orte, an denen sie gelebt hat. Spät hat sie angefangen, Gedichte zu schreiben. Jahreszahlen sind nicht nötig, in einer Welt, die nicht aus amtlichen Begriffen besteht. 

Wenige Gedicht-Bände gibt es von ihr. Sie ist eine Ikone der Innuit-Literatur, wird gefeiert. Sie will mit den Gedichten die Worte ihrer Väter erhalten, da die sonst aussterben. Für die Jungen ist das Leben in der Tundra keine Perspektive, wie sollen sie das Handwerk lernen, wenn sie elf Jahre in einem Internat verbringen müssen? 

Die Tonspur lässt den Film mit sensibel-diskreter Musikuntermalung noch leichter werden und die original rezitierten Gedicht sind eine Klangwelt für sich. Als erstes Haustier in Montreal hielt die Dichterin, die noch keine war, sich einen kleinen Biber, erzählt sie und wer sich für Inuit-Delikatessen interessiert, der kommt noch ausgiebig auf seine Rechnung – Originalzubereitung in der Tundra. 

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