Patrick

Dinge mit Kindern,

die spielen in diesem beklemmenden Film von Goncalo Waddington, der mit Joao Leitao auch das Drehbuch geschrieben hat, die unsichtbare Hauptrolle, bestimmen die Sicht auf die Welt, das Leben, die Liebe, die Beziehungen der Menschen untereinander, Familie, Freunde. 

Es sind die Dinge, die die idyllischste Landlocation in Portugal zu einem Boden werden lassen, der jederzeit einstürzen könnte, der gegen jede physische Erfahrung plötzlich brüchig wirkt. 

Patrick (Hugo Fernandes) ist der junge Protagonist, bei einem Polizeiverhör meint er, er sei etwa 20. Der establishing Shot ist derjenige in einer feinen Pariser Wohnung. In einer Art Rundvorbau liegt der junge Mann auf einer Liege bedeckt mit Lendenschurz. Eine nicht näher identifizierbare Person entfernt mit einem elektrischen Gerät alle Haare am ganzen Körper. Der soll wohl nicht altern, der soll wohl so rein und jung bleiben. Für seinen Freund, der ihn offenbar als Luxusgegenstand hält. 

Man könnte sich vorstellen, dass Patrick vor einigen Jahren ein wahrer Tadzio gewesen sein muss. Jetzt ist die Unschuld weg, die Haare sind lang, das Gesicht nach wie vor apart, leicht pickelig, aber der Gesichtausdruck, der ist verschlossen und stellt klar: hier wird keiner etwas erfahren. 

Seine Jugend wurde Patrick genommen, bevor sie begonnen hatte. Dabei spielen Dinge mit Kindern eine Rolle. Sie wurden auf Video aufgenommen. Dass Patrick ein Doppelleben führt, wird schnell klar. Er lebt zwar bei seinem Freund, der ihn aushält. Aber selber liebt er auch Partys, macht Mädchen an. Das könnte ewig so weitergehen, er könnte weiter mit dem Zwiespalt leben, mit dieser Erwachsenheit, der die Jugend geraubt wurde. 

Ein Polizeieinsatz bei einer Party bringt die Erforschung seiner Geschichte ins Rollen. Ein Kommissar erkennt den jungen Mann aus dem Video. Das ist das Geheimnis, das diesen Film zum großen Kino macht, dass die Dinge mit den Kindern nicht gezeigt werden; der Zuschauer erlebt die Folgen davon an Patrick, der eigentlich gar nicht Patrick heißt. 

Der Film stellt praktisch die Frage, ob diese Dinge, die mit ihm geschehen sind, ungetan gemacht werden können, ob er seine Unschuld wieder finden wird oder wie er damit leben kann. Er wird aus Paris zu seiner Mutter in Portugal zurückgebracht. Das ist beste Portugalwerbung, die Landidylle. Aber Patrick ist nicht mehr Mario, der er einmal war. Die Dinge schwingen ständig mit. Da kann kein Small-Talk darüberhinwegtäuschen, noch der Besuch der Schwester der Mutter (wenn ich das richtig gesehen habe) mit ihrem Töchterchen. 

Das wird eine atemberaubende Begegnung, wenn Patrick mit dem Mädchen zum Baden in ein felsenumrandetes Flussbad geht. Was da alles passieren könnten, das suggeriert der Film subtil. Das macht den Film so wichtig, so spannend, dass er sich nicht in den billigen Chor, der „Kinderschänder“ brüllt, einreiht, sondern das menschliche Schicksal hinter so einer Sache ganz genau beschaut, mit kleinen Gesten und Blicken zum Vibrieren bringt. Ein Film, der das große Kino braucht.

So wird Patrick vorgestellt, dass ihm die Orientierung fehlt, dass er wohl was Sexualität und Liebe, Beziehung betrifft, keinen Maßstab hat, dass er sich von einem Lover aushalten lässt, aber gleichzeitig Party und Freiheit sucht. Dass eine ’normale‘, ‚gesunde‘ Entwicklung geschlechtlichen Selbstbewusstsein nicht stattfinden konnte. Das macht diese Verschlossenheit, die nichts entscheidet und alle möglich macht, so faszinierend, die alles offenhält. La vida continua, meint sein Freund aus Paris; nur, wie soll so ein Leben weitergehen, gar: wie soll es glücklich werden? Es gibt Dinge, von denen kann sich ein Mensch erholen, von einem Herzinfakrt, von einem Beinbrauch; aber von so einem Eingriff in die Entwicklung? 

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