Die Wittelsbacher – Geiseln Adolf Hitlers (BR, Mittwoch, 21. April 2021, 22.00 Uhr)

Vornehme Zurückhaltung.

Das ist die Überraschung in diesem Film von Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, dass in der Flut von Naziverarbeitungsfilmen noch ein neuer Ton, eine neue Sichtweise möglich ist, die von letzten Zeitzeugen, die noch als Kinder Sondergefangene des Dritten Reiches waren und die erst seit zehn Jahren innerhalb der Familie überhaupt angefangen haben, davon zu reden und die erst jetzt finden, es sei an der Zeit, das öffentlich zu machen: die königlich bayerische Familie der Wittelsbacher mit den zentralen Protagonisten Herzog Franz und Herzog Max von Bayern, die als Buben mit ihrer Familie, teils getrennt, vor den Nazis zerstoben, erst nach Ungarn, dann nach Italien und schließlich doch gefangen wurden; dass die Familie den Status von Sondergefangenen hatte, die in den übelsten KZs separiert von den anderen Gefangenen untergebracht waren, teils direkt neben dem Krematorium, und so Eindrücke sammeln konnten, wie kaum andere Zeitzeugen, wie sie den Rauch aus dem Krematorium beschreiben, diesen klebrigen Niederschlag, der so merkwürdig gerochen hat. Wie sich Leichenberge direkt neben ihrer Unterkunft stapelten. Wie die Buben immerhin ab und an zum Spielen nach draußen durften und ihnen das aber vom Papa verboten wurde, nachdem sie erzählt hatten, was da zu sehen war. Junge SS-Soldaten erzählten den Buben bei einem Spaziergang, welchen Spaß es mache, Säuglinge an die Wand zu klatschen. Der Mensch ist eine Bestie und kann so freundlich sein. 

Privilegiert war immer noch dreckig genug. Es brachte der Familie ab und an Vorteile, dass Leute, auch aus der SS, sie erkannten und Respekt vor der Familie hatten. Das Nazireich im Niedergang versprach sich von der königlichen Familie als Geiseln Vorteile. Als Nebenprotagonistinnen erzählen Prinzessin Sophie von Arenberg, geborene Prinzessin von Bayern, und Prinzessin Marie-Gabrielle von Waldburg-Zeil, geborene Prinzessin von Bayern. 

Zwischen Interviews und spannenden Archivaufnahmen gibt es angenehm unpathetischen, teils verlangsamten Bilderbeifang von Impressionen aus der Natur, das Reencactment eines Militär-LKWs (auf so einem ist die Familie herumtransportiert worden) und den Glanzpunkt eines Fasans, der wie eine Sternschnuppe ins Grau des KZs Dachau gefallen sei, dieses Bild schildert fast poetisch Franz von Bayern wie ein wunderbares Erlebnis – oder vielleicht ein Hoffnungspunkt – im tristen KZ-Alltag oder auch die meditative Bebilderung der Geschichte vom Förster, der immer mit dickem Mantel bei der Familie vorbeischaute unter Lebensgefahr und nach dem Besuch ganz dünn geworden ist, wobei auch mal ein Apfel über den Boden gekullert sei. Hier unterstützt das subtil nachgedrehte Bild plastisch die Erzählung und verstärkt damit ihre Haltbarkeit. 

Etwas verwirrend ist der Storyfaden, der würde gewiss zu einer leichteren Nachvollziehbarkeit führen für diejenigen, die sich nicht auskennen in der Genealogie der Wittelsbacher, wenn die Gebrüder Franz und Max dezidiert als Protagonisten genommen würden, hier wirken sie eher als informelle Hauptdarsteller. Also die Story von den beiden aus aufzudröseln, aber dazu waren sie vielleicht zu bescheiden. Sonst käme womöglich jemand auf die Idee, diese Geschichte gar zu verfilmen – wert wäre es das. 

Der Film begleitet die beiden greisen Brüder zu KZs, in denen sie als Buben untergebracht waren. Im Schloss Nymphenburg, wo sie wohnen, zeigen sie Erinnerungsfotos und eine Krippe, die die Mutter in der Gefangenschaft gebastelt hat, sowie eine Uhr aus einem abgestürzten Flugzeug, was der überlebende Pilot ihnen geschenkt hatte. 

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