The Dissident (digital)

Bienen gegen Fliegen,

das ist einer der aufregenden Kämpfe, über die in dieser Dokumentation von Bryan Fogel, der mit Mark Monroe auch das Drehbuch geschrieben hat, berichtet wird. 

Aber das ist nur eine der vielfältigen Kampfarenen, auf welchen Saudi Arabien versucht, Kritiker verstummen zu lassen. 

Die Fliegen sind Trolle, die zu Tausenden und Abertausenden (das wird auch bildlich attraktiv illustriert) über Twitter-Texte herfallen, die an Saudi Arabien, gar am Königshaus, Dinge zu bemängeln haben. 

Die Gegenarmee, die Bienen, wird in Gang gesetzt von einem Exilanten von Montreal aus, von Omar Abdul Asis, der die Idee mit Jamal Kashoggi entwickelt hat. Dieser ist der Dreh- und Angelpunkt für diesen Film, der gleich aus mehreren Partitionen besteht. 

Es ist der Thriller von einem blutrünstigen saudiarabischen Kronprinzen, abgekürzt wird er als MBS, Mohammad Bin Salman, der wenig Gnade mit Kritikern kennt, der, was inzwischen offiziell bestätigt ist, direkt den Mord am inzwischen zum Dissidenten gewordenen Jamal Kashoggi in Auftrag gegeben habe. 

Kashoggi war jahrzehntelang Journalist in Saudi Arabien. Der Begriff Journalist gilt dort nach wie vor im Sinne der Hofberichterstattung aus dem Königspalast. Mit der Erfahrung des Tahir-Platzes in Ägypten wurde Kashoggi kritischer, bis ihm schließlich geraten wurde, Saudi Arabien zu verlassen, seine Familie, seine Kinder. 

Kashoggi landete in den USA bei der Washington Post und wurde zum kritischen Berichterstatter über sein Heimatland. Seine Ermordung im saudischen Konsulat in Istanbul beherrschte über Tage die Schlagzeilen weltweit. Insofern kann heute beim Zuschauer Vorwissen über den Fall vorausgesetzt werden. Bryan Fogel vervollständigt Lücken, macht Zusammenhänge erkennbar. 

Fogel begleitet die Geschichte auch aus der Sicht des Montrealer Twitterers, der selbst ständig fürchten muss, in eine saudische Falle zu laufen. Er wird zum zweiten Protagonisten, der Einblick gibt in die Arbeit eines glühenden Demokratiebefürworters mit den Mitteln moderner Kommunikation, auch in das Projekt eines eigenen Senders. 

Der Film ist gleichzeitig eine Hommage an Jamal Kashoggi mit Archivfootage aus seinem Leben als Journalist, aber auch die Liebesgeschichte zur türkischen Journalistin Hadice, die ihn durch den Heiratswunsch, ohne es zu ahnen, in die Falle im saudischen Konsulat in Istanbul laufen ließ, der Vorwand waren Papiere für die Hochzeit. 

Der Film gibt weiter einen Einblick in Geheimdienstarbeit, das Ausspähen von Smartphones mit dem Aufspielen von Spionage- und Trackingsoftware über harmlose Mails, das Programm Pegasos; aber es ist auch konkret zu erfahren, wie gründlich die Türkei zumindest das saudische Konsulat ausspäht – ein Schelm, wer glaubt, es sei das einzige! – und welch belastendes Material dadurch über den Mord gewonnen wurde, was die Türkei, so als ob ihr Meinungsfreiheit wichtig wäre, großzügig der Welt bekannt gab. Da kommt der blanke Horror auf. 

Gleichzeitig ist der Film eine eindrückliche touristische Reise von Saudi Arabien über Washington, Oslo, Genf, Istanbul, Montreal, Bahrain und mehr mit stupenden nächtlichen Veduten gerne auch von Drohnen aus gefilmt. 

Der Film ist ganz klar auch ein Appellativfilm mit dem Angebot am Ende: „Mehr erfahren, aktiv werden, etwas verändern: The Dissident.

Der Film macht einem aber auch schmerzlich bewusst, wie schnell so ein Skandal von neuen Stories ins Abseits gedrängt wird; die Meinungsfreiheit ist ja noch in vielen anderen Staaten bedroht und Corona wird von vielen zur Isolierung und zum Ausbau der Überwachung ausgenutzt. Die Frage bleibt, ob und wie sehr Worte (und Bilder) als Waffe taugen. 

Der Film sitzt einem noch stundenlang im Nacken. 

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