Vater – Otac

Fehler Armut

Nikola (Goran Bogdan) ist ein, könnte man sagen, gut aussehender Mann, im Sinne von männlich, etwas ausgezehrt vielleicht, ein Gesicht, was klar macht, dass dieser Mann keine faulen Tricks kennt und benutzt, dass er zuverlässig ist, dass sein Wort gilt und dass er solches auch vom Gesetz verlangt; dass er einen untrüglichen Instinkt für Gerechtigkeit hat. 

Nikola ist verheiratet mit Biljana (Nada Sargin). Sie haben zwei hübsche halbwüchsige Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Nikolas Fehler: er ist arm. Er ist ein Arbeiter. Ihm wurde gekündigt. Seit zwei Monaten hat er kein Geld mehr erhalten. Er kann ab und an als Tagelöhner arbeiten. Im einfachen Haus haben sie ihm den Strom abgestellt, weil er nicht mehr bezahlen konnte. Einen Wasseranschluss gibt es nicht. 

Die Armut treibt Nikolas‘ Frau zu einer Verzweiflungstat. Damit eröffnet Srdan Golubovic sein starkes, serbisches Soziodram, das mit den Filmen von Ken Loach mithalten kann, mit der Präzision der Beobachtung der Menschen und ihres sozialen Umfeldes. 

Bijana geht mit ihren zwei Kindern zur Fabrik, aus der ihr Mann entlassen worden ist und fordert den ausstehenden Lohn. Wie darauf nicht reagiert wird, übergießt sie sich mit Benzin und zündet sich an. 

Nach diesem hochdramatischen Anfang verändert Golubovic seine Erzähltechnik und beweist, wie spannend doch eine extensive Erzählweise wirken kann, eine Erzählweise, die sich viel Zeit für einzelne Szenen nimmt, die so als langsam wahrgenommen werden, die aber gerade daraus eine enorme Dichte gewinnen. 

Die Folgen des Suizidversuches der Mutter sind die, dass die beiden Kinder dem Vater weggenommen und zu Pflegefamilien gebracht werden ohne Besuchsrecht des Vaters. Sein Fehler: er ist arm. Später im Film wird der Satz fallen, dass schon Armut allein einem Gewaltakt gegen Kinder gleichkomme. Denkwürdig. Biljana liegt im Spital. 

Der Vater will sich die Kinderwegnahme nicht bieten lassen. Beim örtlichen Funktionär (Boris Isakovic) stößt er auf taube Ohren, keine Chance gegen diesen Drahtzieher, der, wie Nikola später erfährt, so viele Kinder wie möglich ihren Eltern entreißt, um sie in Pflege bei Verwandten zu geben, weil das ein lukratives Geschäft ist. Nikola lässt sich das nicht bieten. Sein Rechtsgefühl treibt ihn zu einem Fußmarsch nach Belgrad, 300 Kilometer entfernt. 

Der Film wird jetzt zum Roadmovie durch Serbien, auf der Suche nach Gerechtigkeit, Nikolai möchte dem Sozialminister persönlich ein Schreiben übergeben, das ein Bekannter für ihn geschrieben hat. 

Golubovic betreibt keine Schwarz-Weiß-Malerei; überall trifft Nikola auf hilfsbereite Menschen, aber nicht nur; die Medien werden aufmerksam auf diesen Marsch; auch das Thema handelt der Regisseur mit prägnanten Schlüsselszenen ab, verzichtet auf das Auskosten des Masseneffektes.

Serbien ist teils ärmlich, teils topmodern und am modernsten ist die Ministeriumsbürokratie in ihrem Glaspalast, so abgehoben vom Rest des Landes, dass man kurz Luft schnappt, sind denn die Minsterien nicht für die Menschen da? Darauf hat Golubovic eine recht differenzierte Antwort. Aber auch die armen Leute sind keineswegs alle Engel. 

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