Platzspitzbaby

Füdlikaff,

ein schweizerdeutscher Ausdruck für ein ‚Arschkaff‘; damit meint die fabelhafte Protagonistin Sandrine (Sarah Spale) das gesichtslose Dorf in der Agglomeration von Zürich, wohin sie mit ihrer Tochter im Rahmen einer breit angelegten Säuberungsaktion der Stadt Zürich im Jahre 1995 zurückverfrachtet worden ist. 

Das ist die Kurzfinfo an den Zuschauer, dass dieser gesäuberte Platzspitz, ein kleiner Park direkt hinter dem Landesmuseum neben dem Hauptbahnhof Zürich, zehn Jahre lang ein international bekannter, offener Drogenplatz gewesen ist; dem ist mit der Aktion 1995 ein Ende bereitet worden. 

Der Film von Pierre Monnard nach dem Drehbuch von André Küttel beruht auf dem autobiographischen Bestseller von Michelle Halbheer und Franziska K. Müller. Er beschreibt eines dieser Schicksale der Drogenabhängigen, die ihr Lebenszentrum am Platzspitz hatten und die sich in ihren Heimatorten schwer tun; Stoff für ein exzellentes Soziodram. 

Sandrine hat sich von ihrem Mann André (Jerry Hoffmann) getrennt. Ihre Tochter Mia (Luna Mwezi) ist ihr ein und alles („Ohne Di bin I nüüt“; ohne dich bin ich nichts). Dramatisch daran, dass das Teenager-Girl Verantwortung für eine drogenabhängige Mutter übernehmen muss, resp. immer wieder versucht, sie von Rückfällen und Reisen nach Zürich abzuhalten oder ihr die Medikamente für das Ersatzprogramm geben muss. 

Das Kind muss die Probleme der Mutter ausbaden, irgendwie auch noch Ersatz für den Vater spielen im Sinne einer Bezugsperson und Mia kommt aus dieser Rolle nicht heraus, fühlt sich dazu verpflichtet und weigert sich insofern, zum Vater zu ziehen, der genau so Anspruch auf sie erhebt. 

Ausbaden muss Mia auch die ungewöhnte Situation in dem „Füdlikaff“, das keinen näheren Namen bekommt. Hier ist sie eine Fremde, bekommt den Spitznamen Platzspitzbaby weg. Sie findet aber auch Freunde, just unter den Heruntergekommensten und Verwahrlosten des Dorfes. 

Speziell die offenbar schon ziemlich versaute Lola (Anouk Petri) hat es Mia angetan. Mit ihr und deren Kumpels lässt sich unter einer Brück wunderbar abhängen. Die Mutprobe ist der Sprung von der hohen Eisenbahnbrücke in den darunter liegenden Fluss. 

Ihre Einsamkeit lässt Mia in ihrer Fantasie mit ihrem Wunschbuddy Franco (Delio Malär) erträglich machen; er sieht gut aus wie ein Schlagerstar, ist immer schick gekleidet und spielt Gitarre. 

Eine positive Figur ist Lehrer Gasser (Caspar Kaeser), ein Pädagoge wie möglicherweise Pestalozzi, der mitfühlend auf Mia reagiert, ihr eine Chance im Musical geben will. Das initiiert den Traumstrang der Geschichte, fällt aber nicht auf die Kitschfalle rein, dass aus dem armen, geschundenen Mädchen ein Star wird; aber wie ihr Auftritt erfolgreich ist, das wird ihrem Milieu angemessen unter der Bahnbrücke gefeiert. 

Den Klischeefallen entgeht Pierre Monnard auch bei kleineren Chargen wie der Sozialarbeiterin Frau Bucher (Lea Whitcher), die just nicht diese frigide, streng frisierte Figur ist und auch die sich beschwerende Nachbarin, Frau Schuler (Esther Gemsch), ist nicht die von einer Bösartigkeit zum Vornherein und mit diesem Blockwart-Misstrauensblick, was allzu oft für solche Figuren verwendet wird. 

Corinna Glaus hat einen ausgezeichneten Cast vorgeschlagen und Monnard hat nicht minder ausgezeichnet mit ihm gearbeitet. Die zentralen Figuren der kaputten Mutter und der pubertierenden Tochter sind nicht nur grandios eingespielt, sondern ebenso präzise und glaubwürdig gezeichnet. 

Es ist ein Film von einer menschlichen Gültigkeit weit über die Schweiz hinaus; durch das Schweizer Idiom und die Schweizer Eigenart gewinnt er unverwechselbare Kontur (das verbindet ihn mit den Soziodramen von Ken Loach, die immer auch sprachlich nah bei den Figuren sind). Der Wunsch nach Glück und Erlösung oder Befreiung äußert sich im Wunsch, Urlaub auf den Malediven zu machen; das kostet; so ist auch die verzweifelte Losrubbelszene von Mia zu verstehen. 

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