Billie

Doppelt genäht

Diese Dokumentation von James Erskine über die sensationelle US-Jazzsängerin Billie Holiday ist quasi doppelt genäht aus lauter Archivmaterial. 

Die kleinere Naht betrifft die Journalistin und Holiday-Biographin Linda Lipnack Kuehl und die breitere Naht, das ist die Story von Billie Holiday, die schon mit 13 auf den Strich ging und bald schon andere Mädchen laufen hatte, mit 14 nach New York kam und bald darauf als Sängerin entdeckt wurde und schnell schon mit Louis Armstrong auftrat oder Count Basie, die Klasse halt. 

Es ist eine Geschichte, wie sie so oft vorkommt, Kind aus ärmstem Milieu mit einem besonderen Talent steigt auf in den Showbusiness-Himmel und verkraftet das nur mit Drogen, die zu einem frühen Tod führen. Billie Holiday ist gerade mal 44 Jahre alt geworden, in den letzten Aufnahmen sieht sie gezeichnet aus. 

Verdienstvoll an diesem Biopic ist der weitgehende Verzicht auf Talking Heads, statt dessen setzt es auf Talking Voices und legt darunter Archivmaterial vor allem von Auftritten der Sängerin; lässt die Titel auch lange spielen, so dass nicht viel zu einem Konzert der Sängerin fehlt. 

Manchmal läuft die Musik auch weiter im Hintergrund, wenn Stimmen zu ihr und ihrem Leben zu hören sind. Und ebenso verdienstvoll ist der Verzicht darauf, heute noch neues Statement-Material nachgedreht und in den Film montiert zu haben. 

An einigen Stellen führt es allerdings zu einer Verwirrung, wenn plötzlich Texte und Fagen zur Biographin zu hören sind oder Bilder von ihr zu sehen. Über sie ist zu erfahren, dass sie jahrelang Material für eine Biographie gesammelt habe, Interviews geführt und Material recherchiert hat; wobei der Klatsch nicht ausbleiben kann, besonders die vielfältigen Gefängnisaufenthalte, das zügellose Sexleben, der Drogenkonsum, Ehe mit andauernder Gewalt; also die Dinge, die Profibiographien manchmal sogar erfinden, wie der Film über Montgomery Clift gezeigt hat, der einen zur Vorsicht im Umgang mit solchen Biographien mahnt.

Nichtsdestotrotz ergibt sich ein lebendiges Bild von Kraft und einmaliger Stimme der Sängerin, die ihre Stimme dazu benutzte, um von ihrem Leben, von ihrem Unglück zu erzählen („konnte ihre Seele nur singend ausdrücken“). 

Auf den Linda-Lipnack-Teil hätte ich gut verzichten können, da fällt der Unterschied zwischen einem Star, für den keine Leinwand zu groß ist, und einer Biographin besonders auf; beinah unangenehm, wenn die Schwester der Journalistin am Ende privatistisch Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Tod der Autorin andeutet. Die Musikaufnahmen mit Billie Holiday, das sind die Jazz-Blues-Swing-Kleinodien dieses Filmes; am eindrücklichsten „Strange Fruit“, der von der Diskriminierung der Schwarzen handelt. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.