Curveball

Die Bombe kommt am Schluss

„Curveball“ wurde im Geheimdienstmilieu jener irakische Flüchtling genannt, der den Deutschen die Grundlagen für die falschen Beweise lieferte, mit denen die USA den Irakkrieg von 2003 begründeten. 

Der Beweis ist weltberühmt, denn den hatte der damalige US-Außenminister Colin Powell vor der Vollversammlung der UN präsentiert, ein irgendwie bekritzeltes Blatt. 

Es war damals schon bekannt, dass der BND diesen Beweis beschafft hatte – und mächtig stolz darauf war. 

Diese Geschichte hat Johannes Naber (Der Albaner) zusammen mit Oliver Keidel zur Grundlage für das ungewöhnlich sorgfältige Drehbuch zu diesem außerordentlichen deutschen Spionagethriller genommen. 

Es gab immer schon Gemunkel, dass Saddam Hussein an der Herstellung von Anthrax-Waffen herumlaboriere. Nie wurde etwas gefunden. 

Die Geschichte fängt im Irak an. Der Deutsche Dr. Wolf (Sebastian Blomberg mit internationalem Format) ist mit einer Gruppe von UN-Wissenschaftlern unterwegs, um Spuren von Anthrax zu finden. Ergebnislos (Anthrax gleich Milchbrand).

Der Film bietet eine kleine, kollaterale Liebesgeschichte mit der amerikanischen CIA-Agentin Leslie (Virginia Kull) und Dr. Wolf. Aber die Mission im Irak ist beendet. Die Agenten kehren in ihre Heimatländer zurück. Wolf arbeitet wieder in der BND-Zentrale in Pullach. 

Ein Irak-Flüchtling behauptet, er habe im Irak an diesem geheimen Anthrax-Projekt mitgearbeitet. Das wäre für den BND im Wettbewerb mit anderen Geheimdiensten eine Sensation, wenn dieser Nachweise erbracht werden könnte; denn keiner hat bislang auch nur eine Spur. 

Also wird Dr. Wolf auf Rafid (Dar Salim) angesetzt. Der will als Gegenleistung für seine Infos die deutsche Staatsbürgerschaft, was zu Konflikten in Wolfs Chefetage führt. Hier sind die prima gezeichneten Beamten Schatz (Thorsten Merten) und Retzlaff (Michael Wittenborn) verantwortlich. 

Naber berichtet nun mit aller Sorgfalt und ohne jegliche Kamera- und Schnittspelastik, wie Wolf und Rafid sich näher kommen und Wolf ihm ein sensationelles Geheimnis entlockt. Feststimmung beim BND. Sie haben den Curveball, also den potentiellen Game-Changer, das Missing-Link letztlich zur Begründung des Irakkrieges. Ein Hit für Deutschland und den BND. 

Allerdings gibt es erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen. Doch da ist die News von den Deutschen schon in die Welt gesetzt. Die unsäglichen Entwicklungen nehmen ihren Lauf. Die Deutschen sind zu feige, einzugestehen, dass sie einem Betrüger aufgesessen sind. Das müsste wohl auch Joschka Fischer gewusst haben, der die gewisse UN-Vollversammlung leitete, weil Deutschland zum den Zeitpunkt den Vorsitz innehatte. Das Kanzleramt war informiert. Dessen Chef war kein geringerer als, hm, es darf geraten werden. 

Gegen Ende hin wird die Erzählung etwas breitgewalzt, bekommt dafür aber auch komische Einsprengsel: topnotch-TV bleibt der Film alleweil. Und politisch brisant, wenn man die Folgen des Irakkrieges mit all den Gräueln und Flüchtlingsströmen in Betracht zieht, für Leute, die in der Bundesrepublik heute noch ganz oben an der Spitze stehen. Unsäglich. Unerträglich. 

Abspann-Text: „Im Kanzleramt war seit spätestens 2002 bekannt, dass Curveballs Aussagen nicht verlässlich sind. Der damalige Leiter des Kanzleramtes ist heute Bundespräsident.“ 

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