Lebenslinien: Ernst Hannawald – Krasser als jeder Film (BR, Montag, 22. März 2021, 22.00 Uhr)

Zerstörte Kinderseele.

Stefan Panzner wagt mit diesen Lebenslinien einen Tauchgang in die Seele des Schauspielers und Autors Ernst Hannawald. 

Als Kind hat Hannawald jede Menge häusliche Gewalt erlebt. Die begann mit einem Familiendrama, dass der Vater als Baggerfahrer eines seiner Kinder unabsichtlich und unwissentlich unter Kies begraben hat. Heute würde in solchen Fällen ein Kriseninterventionsteam zur Stelle sein. 

In Hannawalds Familie aber nahm das nicht Verarbeitete seinen Lauf in immer mehr Unberechenbarkeit des Vaters und zunehmender Gewalt gegen Frau und Kinder. So eine Kinderseele wird von Amtes wegen in eine Waisenhaus gesteckt, wo es auch nicht viel besser zu und her geht. Was das Kind wiederum selbst unberechenbar, gewalttätig und unerziehbar macht, worauf unser staatliches Wohlfahrtswesen das Kind in der geschlossenen Kinderpsychiatrie in Haar unterbringt. 

In Haar tritt das erste mal ein ‚Engel‘ in das Leben des Jugendlichen Ernst. Er kann abhauen und bei einer Gruppe wohlwollender Menschen untertauchen bis zur Legalisierung des Zustandes der Freiheit. 

Wie Hannwalds Leben verlaufen wäre, wenn nicht bald schon ein Anruf aus der Filmwelt gekommen wäre, das ist schwer zu sagen; vermutlich hätte es nie den Weg an die Öffentlichkeit gefunden, wäre vielleicht irgendwo in der Obdachlosigkeit glandet, auf der Straße, endlos im Knast – und die BR-Lebenslinienredaktion hätte sich bestimmt nicht für ihn interessiert, so weit will der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Demokratieauftrag dann doch nicht verstehen.

Wolfgang Peteresen engagiert den jungen Mann für seinen Film „Konsequenz“ für eine der Hauptrollen; ein Type-Casting, weil auch diese Rolle einen unteriridischen Lebensweg hinter sich hat. 

Wer in der Familie Gewalt erlebt hat, wird das Thema nicht los. Schlagzeilen hat Hannawald in den 80er gemacht mit einem spektakulären Verkehrsunfall in der Münchner Leopoldstraße mit 3 Toten und mit ihm als einzigem Überlebenden. Das muss einer mal verdauen. 

Da trat sein ‚Schutzengel‘, wie er Maria nennt, in sein Leben: er definiert sich direkt über sie. Vielleicht auch deshalb, weil sie bei weiteren Alkohol- und Drogenexzessen bis hin zum Banküberfall zu ihm gehalten hat. 

Nach Gefängnis und Entzug scheint das Leben dieser verletzten Kinderseele auf ruhigere Bahnen zu geraten; eine Heilsgeschichte. Er hat Bücher geschrieben, den Buddhismus gefunden, geht auf Lesereise und auch der BR zeigt sich in diesem Film, der einer dieser Eigenwerbungsfilme ist, von seiner fürsorglichen Seite: BRs Leib- und Magenregisseur Franz Xaver Bogner hat dem Gestrauchelten Rollen geschrieben, um ihn wieder aufzufangen. Der BR auch in einer Schutzengelfunktion. Was ist aber mit all den Gestrauchelten, die Gewalt in der Familie erlebt haben und die keine solchen Schutzengel finden? Wie Brecht schon sagte, die im Dunkeln sieht man nicht. 

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