Die letzte Stadt – The last City

Dialog-Reigen.

Wie ein Dauerregen plätschern die Dialoge in diesem essayistischen Film von Heinz Emigholz und wie beim Reigen von Schnitzler als dramaturgischem Prinzip spielt ein Darsteller aus einer Szene eine neue Rolle in der nächsten Szene. 

Die Szenen selbst machen eine Reise um die Welt von Israel über Athen, Berlin, Hong Kong und Sao Paolo. Sie fächern inhaltlich vieles aus einem klassischen Bildungskatalog auf. Essayistisches Dialog-Kino, vielleicht auch Vieille Vague zu nennen, alt geworden in Ehren und vom Prinzip des Dialogkinos nicht abgekehrt, einem Kino, das die Welt erklären, erforschen, durchleuchten und begreifen oder gar nach dem Marxschen Satz verändern will, dass nämlich die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert aber nicht verändert hätten. 

Den Marx-Satz haben sogar zwei der Protagonisten auf den Arm tätowiert, was nur eine von mehreren erotisch-philosophischen Gemeinsamkeiten ist. Sowieso Athen, Polis, der Titel des Filmes heißt ja Die letzte Stadt, was wohl der letzten Erkenntnis gleichgesetzt werden sollte, in der Stadt fing das Denken an, Aristoteles – und in der Stadt hört es wieder auf? 

Peripathos: im antiken Säulengang ergingen sich die Philosophen mit ihren Jünglingen. Dazu ist unser Filmemacher, sind unsere Darsteller zu alt. Da sind sich liebende Männer schon gestandenere Semester oder sie behaupten in Berlin sogar, sie seien Brüder und Liebhaber zugleich, die Mutter freut sich drüber, der eine ist Polizist, der andere Pfarrer. Der nimmt seiner Familie die Beichte ab und entlastet sie von allfälligen Gewissensbissen mit dem Satz, dass einvernehmlicher Sex unter Erwachsenen ein Menschenrecht sei. 

Vorher in Athen ging es um philosophischen und Erkenntnisdiskurs, aber auch um Psychiatrie, Depression, künstlerische Aktivität, Schaffung der Stadt, aber auch Krieg, Rassismus, Waffenproduktion, Ideengewinnung aus den Slums und von Schulmädchenzeichnungen oder der Blick in Gruben und Zisternen. 

Der Ausflug nach Hong Kong bringt eine Aufzählung schauderhafter Kriegsgräuel, -verbrechen, -massacker. 

In Lateinamerika beschäftigt Emigholz seine beiden Protagonisten mit astronomischen Fragen, Weltall, Galaxie, Künstliche Intelligenz, den Bedingungen für das Leben, Aliens, lauter Dinge, die vornehmlich den erwachenden jugendlichen Geist umtreiben – wenn dieser in sternhellen Sommernächten den Himmel betrachtet – oder dann die Fachwissenschaftler und -forscher. Auch das Thema Zeitreise wird angetupft oder die Gschichte mit dem letzten und deshalb unsterblichen Pfannkuchen. 

Vielleicht ist Heinz Emigholz ja ein unverbesserlicher Alt-68er, der einfach noch keinen Frieden gefunden hat und der in einem ideologisch-historisch-philosophisch-politisch-literarischen Gemischtwarenladen immer wieder auf Fundstücke stößt, die er für reflektierens- und zitierenswert hält. Darin ist eine gewisse Verwandtschaft zu Roland Reber und seinem Werk zu sehen (zuletzt in Roland Rebers Todesrevue). 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.