Kommentar zu den Reviews vom 21. Januar 2021

Die leere Leinwand.

Mit den Reviewzahlen geht es wie mit den Passagierzahlen am Flughafen oder bei der Bahn: sie rauschen in den Keller. Es gibt überhaupt nur zwei Reviews diese Woche: zum einen über einen Coming-of-Age-Film aus dem unendlichen Bezahlstrom des Internets und zum anderen über eine Fernsehdokumentation über die Ära Lilienthal an den Kammerspielen, also auch noch über Theater, was nicht abschätzig klingen soll, Theater kann durchaus eine wichtige Säule für das Kino sein: denn im Theater können die Leute ganz anders rumexperimentieren als im Kino, wo es doch schnell um enorme Geldbeträge geht. 

Der leere Raum des Theaters ist physisch kaum mit der leeren Leinwand des Kinos oder dem leeren Blatt des Autors zu vergleichen, besonders, wenn ein Autor auf dem berühmten leeren Blatt versucht über den Unterschied zwischen leerem Bühnenraum, den Peter Brooks so meisterhaft bespielte, und der leeren Leinwand, wie sie jetzt die Kinos dominiert, zu schwadronieren. 

Letztlich spielt sich alles im Kopf ab und zielt auch auf den Kopf. Keine der Institutionen ist ein Massageraum. Und weil es Kopfsache ist, macht auch erst das Publikum aus seiner Theatervorstellung seinen Theaterabend und jedes Kinopublikum aus jeder Filmvorführung seinen Film. So besehen sind sowohl Kino als auch Theater ursubjektive Angelegenheiten. 

Wobei der Kritiker hoffentlich sich eine gewisse Ursprünglichkeit bewahrt hat und und offen für jeden neuen Film sein sollte; nur dass er, im Gegenteil zum zahlenden ‚Normal’publikum günstigstenfalls präzise erklären kann, woran es liegt, dass ständig im Publikum eine Unruhe zu bemerken war, oder woran, dass atemlose Stille herrschte und dass der Film den Leuten noch lange im Kopf herumgeht. 

Die Solothurner Filmtage, das zentrale Schweizer Filmtreffen, wollen sich dieses Jahr besonders mit dem Filmkritiker befassen (die Chefin kommt aus dieser Richtung) und wie unerlässlich Kritik für eine lebendige Kinolandschaft sei. Nur dass heute keiner mehr bereit ist, etwas dafür zu bezahlen. 

Wir sind die Gratisreviews im Internet gewohnt, auch hier bei filmournalisten.de; hier arbeiten wir ehrenamtlich. Bei anderen Online-Websites wie artechock oder kino-zeit.de sollen die Schreiber allenfalls 30, 40 oder vielleicht 50 Euro für eine Kritik erhalten, für die sie üblicherweise nicht nur den Film sichten müssen, sondern sich auch mit dem Informieren und Schreiben beschäftigen, also dürfte ein Stundenlohn von weit weniger als dem Mindestlohn herausschauen; nicht viel anders schaue es bei der Süddeutschen aus für die Kurzwürdigungen der Filme, die neu ins Kino kommen. 

Das Geld sammeln die erwähnten Internet-Seiten teils von Spendern (artechock) oder von Spenden und Inseraten (wofür sie dann wiederum Klickzahlen schinden müssen), wobei beide Geldquellen jetzt mangels Kinoprogramm zu Rinnsalen schrumpfen. Vielleicht gibt es bei den Print-Medien oder beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch ein paar Topverdiener. …

So kommt man auf dem leeren Blatt vor der leeren Leinwand vom Hundersten ins Tausendste, verliert andauernd den Faden, den man gar nicht hat oder spinnt wieder einen neuen und kommt überhaupt nicht zur Sache, weil die Sache sich aktuell entmaterialisiert hat, weil die Politik felsenfest überzeugt ist, dass im Kino Ansteckungen stattfinden, wohl wahr, aber eben nicht im pandemischen Sinne, sondern mittels Faszination durch das bewegte Bild, für das, was es auslöst, wie es in den Körper fährt, ins Gefühlszentrum oder gar, wenn es hoch kommt, auch ins geistige Zentrum, so dass der Zuschauer sich genau in dem ernst genommen fühlt, woführ ihn vielleicht seine Umwelt belächelt oder wofür dem oft rüden Zeitgeist jegliche Sensibilität abzugehen scheint. 

Manch einer glaubt gar, im Kino einen Blick in Wahres zu werfen, auch wenn heutzutage „24 mal die Wahrheit pro Sekunde“ kein zündendes Wort mehr ist; heute ist die Wahrheit im Kino pixelig, verpixelt; während Altmeister Godard sich in eine Nische verflüchtigt hat, die wie aus einer anderen Welt scheint, in der er nach wie vor Bildmaterial als Wahrheitsmaterial betrachten mag, es auf jeden Fall immer noch furios mit den modernsten Mitteln behandelt und nach wie vor genial montiert; aber von Montage spricht auch längst keiner mehr; das Kino ist oft nur noch amorphe Bildmasse, vor der das Publikum längst den Respekt verloren hat, weil Bilder allüberall und oft in nicht zu bemängelnder technischer Qualität verfügbar sind. 

Andererseits blüht der Arthouse-Zweig wie nie; es fehlt an Sälen um all die vielen Wunderblüten von bestechender Qualität zu präsentieren, die gediegen moderne Geschichten erzählen und das kultivierte Publikum anregend unterhalten. Allein was heute in Frankreich auf dem Humus der Nouvelle Vague für ein üppiger Kinogarten sprießt, während in Deutschland der durch die Nazizeit ausgetrocknete und versteinerte Boden nur mittels massiver Düngung durch weisungsgebundene Fernsehredakteure und Filmförderer mit von Funktionären ‚gemachten‘ Stars eine matte Pracht allenfalls mit einigen hübschen Mauerblümchen hervorbringt. 

Stream

YES, GOD, YES – BÖSE MÄDCHEN BEICHTEN NICHT

Hier erfährt der geneigte Zuschauer, was es heißt, jemandem die Sahne schlagen. 

TV

KAMMERSPIELE – JAMMERSPIELE

Nein, kein Kulturpessimismus. 

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